Jospin fordert Verantwortliche zu rationalem Handeln auf
Frankreich am Rande der BSE-Massenpanik

ap PARIS/BRÜSSEL. Angesichts der Zunahme von BSE-Fällen droht sich die Furcht vor dem Rinderwahnsinn in Frankreich zu einer Massenpanik auszuweiten. Der französische Premierminister Lionel Jospin rief Verbraucher und Verantwortliche am Mittwoch zur Vernunft auf, nachdem Präsident Jacques Chirac am Vortag im Fernsehen ein Verbot von Tiermehl in Futtermittel gefordert hatte. Tiermehl gilt als Hauptübertragungsweg für die BSE-Seuche. Inmitten der neu aufkeimenden Verbraucherängste legte die EU-Kommission in Brüssel ihr Konzept zur Schaffung einer unabhängigen EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit vor.

Jospin warf vor allem französischen Bauern vor, eine Massenpanik zu schüren, nachdem diese am Dienstag beschlossen hatten, kein Fleisch von Rindern mehr zu verkaufen, die vor 1996 geboren wurden. "Man darf sich nicht über die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Rindfleischindustrie wundern, wenn man keine Antworten liefert, sondern in einer Art allgemeiner Psychose mitschwimmt", sagte Jospin. An die Adresse Chiracs gerichtet erklärte er: "Diejenigen, die in verantwortlichen Positionen stehen, sollten nicht die Öffentlichkeit verängstigen." Der französische Agrarminister Jean Glavany bezifferte die Unkosten, die aus dem Verkaufsverbot für Fleisch älterer Rinder entstehen, auf mindestens zwölf Mrd. Francs.

Auch EU-Verbraucherkommissar David Byrne warnte vor einer Massenpanik in Frankreich. Frankreich habe früher als andere Mitgliedstaaten angefangen, Tiere auf Rinderwahnsinn hin zu testen. Eine Konsequenz daraus sei, dass mehr Fälle diagnostiziert würden. Den Anstieg nannte er trotzdem Besorgnis erregend.

In jüngster Zeit waren dort mehrere BSE-Fälle registriert worden. Die Gesamtzahl für dieses Jahr beläuft sich bislang auf 81 - 50 mehr als im vergangenen Jahr. Das Fleisch verseuchter Tiere gelangte vor Wochen auch in Supermärkte. In Großbritannien starben zwei Menschen an den Folgen der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge auf den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch zurückzuführen ist. Als Konsequenz daraus forderten auch einige Bundesländer, das Einfuhrverbot für britisches Rindfleisch wieder in Kraft zu setzen. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer ermahnte die EU-Staaten, die seit September vorgeschriebene Kennzeichnungspflicht für Rindfleisch umzusetzen. Wegen technischer Schwierigkeiten bei der Umsetzung besteht eine Frist bis 1. Januar, die Kennzeichnung einzuführen.



EU-Lebensmittelamt soll als Frühwarnsystem funktionieren



Die EU-Lebensmittelbehörde, die in den nächsten drei Jahren mit zunächst 250 Mitarbeitern und 40 Mill. Euro ausgestattet werden soll, funktioniert als Frühwarnsystem vor Gesundheitsgefahren, die von Lebens- oder Futtermitteln ausgehen. Sie sammelt Daten, liefert wissenschaftliche Analysen und informiert die Öffentlichkeit. Als Standorte bewerben sich Helsinki, Parma, Barcelona und Lille. Dem Vorschlag müssen auch noch die EU-Mitgliedstaaten und das Europaparlament zustimmen.

Byrne sagte mit Verweis auf Rinderwahnsinn und Dioxinverseuchung: "Wir müssen das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Fähigkeiten der Lebensmittelindustrie und der Behörden zurückgewinnen, dass sie die Sicherheit von Nahrungsmitteln garantieren können." Die Vorschläge zur Schaffung einer Lebensmittelbehörde sowie eines harmonisierten EU-Lebensmittelrechts sollen dem Verbraucher lückenlose Sicherheit vom Trog bis zum Teller garantieren.



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