Jüngste Entwicklung stellt Kursmuster auf den Kopf
Genussscheine bieten attraktive Renditen

Heftige Turbulenzen haben in den vergangenen Monaten die Anleger am ansonsten ruhigen Genussscheinmarkt in Atem gehalten. Im September stürzten die Kurse der Zwitterpapiere in den Keller, was an Gerüchte um Liquiditätsengpässe bei der Commerzbank lag. Die Folge: Weil mehr als 90 Prozent der gehandelten Genussscheine von Banken begeben werden, traf diese Nachricht den Markt besonders hart. Die Anleger fürchteten um ihre jährlichen Ausschüttungen, die nur gesichert sind, wenn die Banken Gewinne machen.

DÜSSELDORF. Doch im Frühjahr kam die Entwarnung: Wackelkandidaten wie Commerzbank, Hypo-Vereinsbank und Dresdner Bank kündigten an, die jährliche Zahlung zu leisten. In der Folge zogen die Kurse wieder an. "Wir haben seit April eine erfreuliche Erholung gesehen", sagt Ralf Burmeister, Genussschein-Experte der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Positiv habe sich dabei auch der Steuerkompromiss im Bundesrat ausgewirkt, wonach Spekulationsgewinne nach Ablauf eines Jahres vorerst steuerfrei bleiben.

Die jüngste Entwicklung stellt jedoch die üblichen Kursmuster bei Genussscheinen auf den Kopf. Für gewöhnlich sinken deren Kurse nach den jährlichen Ausschüttungen im Anschluss an die Hauptversammlung deutlich und klettern dann im Jahresverlauf bis zum nächsten Termin kontinuierlich an. Der Grund: Genussscheine sind so genannte Zinssammler, das heißt die Stückzinsen laufen zwischen den Auszahlungen als Kursgewinne auf.

Aufgrund der niedrigen Kurse gilt die Zeit nach den Hauptversammlungen als guter Einstiegszeitpunkt in Genussscheine. Gerade unter Steuersparaspekten kann es für Anleger günstig sein, nach der HV einzusteigen, die Scheine über die kommende Ausschüttung hinaus zu halten und kurz vor der übernächsten Ausschüttung zu verkaufen. "Guten Gewissens kann ich eine derartige Strategie zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht empfehlen", warnt LBBW-Analyst Burmeister. Grund sei das sehr niedrige Zinsniveau. Die LBBW geht mittelfristig von steigenden Kapitalmarktzinsen aus. Das würde die Kurse von Genussscheinen unter Druck setzen und somit die Renditen verringern.

Andererseits zahlen Genussscheine auf Grund der unsicheren Lage der Banken nach wie vor einen Renditeaufschlag zu Pfandbriefen von zwei bis sechs Prozent - deutlich mehr als im historischen Durchschnitt. Selbst Papiere von Emittenten mit stabilen Erträgen bieten attraktive Extra-Aufschläge. Für Stefan Wolpert, Fondsmanager des Deka Genüsse + Renten fallen Scheine der Banken Aareal, Depfa und IKB sowie der Landesbanken in diese Kategorie.

Für die Genüsse riskanterer Adressen geben sich die Experten hingegen zurückhaltend: "Wo man investiert, ist letztlich eine Frage der individuellen Risikobereitschaft", sagt Oliver Eichmann, Fondsmanager des DWS Inter Genuss. Kurzfristig seien die Risiken bei einigen Banken immer noch recht hoch. "Wer aber das Risiko nicht scheut und einen langen Atem hat, kann mit lang laufenden Genussscheinen durchaus hohe Renditen erzielen." Allerdings sollten Anleger die Ergebnisse des zweiten Quartals abwarten, ehe sie größere Käufe vornehmen, rät Eichmann.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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