Jüngste Wirtschaftsdaten sind gut
Argentinische Aktien sind wieder gefragt

Die argentinischen Standardwerte haben ihr Vorkrisenniveau wieder erreicht. Der Aktienindex Merval notiert seit letzter Woche wieder über der Marke von 700 Punkten und legt weiter stetig zu. Zuletzt hatte das Kursbarometer solche Werte - gemessen in der Landeswährung Peso - im Mai 1998 verzeichnet, also vor Beginn der schweren Rezession, die 2001 in die traumatische Krise mit Zahlungsausfall und Abwertung mündete. In den vergangenen sechs Monaten stieg der Merval um gut 40 %.

BUENOS AIRES. Obwohl die neue Mitte-Links-Regierung von Präsident Nestor Kirchner noch keine Fortschritte in den drängenden Themen Bankensanierung, Umschuldung oder nachhaltige Verbesserung der Haushaltslage gemacht hat, sehen Analysten und Investoren in den jüngsten Wirtschaftsdaten Anlass zu Optimismus: Die Steuereinnahmen im Mai waren rund die Hälfte höher als vor Jahresfrist; die Exporte machen 30 % der Wirtschaftsleistung aus; die Währung tendiert zur Aufwertung; die Inflation ist niedrig. Im Mai sanken die Einzelhandelspreise sogar zum ersten Mal seit Ende der Dollarbindung wieder geringfügig. Selbst Kritiker des Regierungskurses wie der Ökonom Miguel Angel Broda rechnen mit einem Wachstumsschub. "Das ist kaum zu vermeiden, denn wir befinden uns im zehnten Untergeschoss", sagt Broda.

Für den Aktienmarkt bedeutet dies: Es kann zwar "zu kurzfristigen Kurskorrekturen kommen, aber mittelfristig bleiben die Aussichten für den lokalen Markt gut", meinen die Analysten von BBVA Banco Frances. Zusätzlich beflügelt wird der Aktienmarkt auch durch mangelnde Anlagealternativen: Der Dollar sinkt gegenüber dem Peso, die Zinsen sind niedrig.

Getragen wird der Höhenflug des Merval insbesondere von der Eisenindustrie sowie von den Banken. Die Stahl- und Eisenindustrie profitiert von den ehrgeizigen Investitionsplänen der neuen Regierung in Infrastrukturprojekte, von einer Erholung der Autoindustrie sowie von dem günstigen Wechselkurs und dadurch steigenden Exporten. Die Aktien des Stahl- und Eisenunternehmens Acindar stiegen in den letzten Monaten um 168 %, die des größten argentinischen Eisenherstellers Siderar um 43 %. Beide Unternehmen stehen kurz vor dem erfolgreichen Abschluss ihrer Umschuldung. Argentiniens größter Aluminiumhersteller Aluar legte in den letzten Wochen ebenfalls zu. Die BBVA-Analysten von BBVA raten zum Kauf.

Sehr gute Ergebnisse erzielen erstaunlicherweise auch die Titel der privaten Geschäftsbanken. Vergangene Woche wurde der Merval insbesondere von der argentinischen Banco Galicia beflügelt, deren Aktie um 19,2 % stieg. Im bisherigen Jahresverlauf legte auch die spanisch kontrollierte BBVA Banco Frances um 38 % zu, die kleine Privatbank Bansud um 28 %.

Dabei sind die Banken eindeutig die größten Verlierer der Finanzkrise und haben sich noch lange nicht davon erholt. Im ersten Quartal verbuchten Banco Galicia sowie BBVA Banco Frances weiter hohe Verluste, wenn auch deutlich geringere als im Vorjahr. Die kleinere, weniger von der Krise getroffene Bansud wies dagegen Gewinne aus. Doch das Fundament der Finanzindustrie ist noch schwach. Nach einer Studie des argentinischen Wirtschaftsinstituts Broda sind die Vermögenswerte der Banken negativ.

Doch Analysten und Investoren erwarten in den nächsten Monaten Fortschritte in der überfälligen Sanierung des Systems. Dazu gehört vor allem die Verabschiedung eines neuen Gesetzes, das Kompensationszahlungen an die Banken für die während der Abwertung erlittenen Verluste regelt.

"Die Aktien der Banken sind historisch noch auf einem niedrigen Niveau. Geht man von einer Normalisierung der Wirtschaft und einer Erholung der Bankenaktivitäten aus, gibt es Raum für weitere Erholung der Aktien", meint Roberto Drimer von Argentine Research.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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