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Jugoslawien vor Schicksalswahl am nächsten Sonntag

Milosevic werde seinen eigenen Wahlsieg verordnen, fürchtet die Opposition.

dpa ZAGREB/BELGRAD. Jugoslawien steht vor einer Schicksalswahl. Weitere Krisenjahre stehen bevor, Proteste oder gar die gewaltsame Konfrontation mit dem Regime des international geächteten Präsidenten Slobodan Milosevic. Falls aber Milosevic bei der Wahl am Sonntag unterliegt, will die Europäische Union Jugoslawien wieder auf die Beine helfen.

Die vom Hauptherausforderer Vojislav Kostunica angeführte Opposition hat in Meinungsumfragen einen großen Stimmenvorsprung, bereitet sich aber schon auf ihre vom Staatsrundfunk verkündete "Wahlniederlage" vor. Milosevic, der große Manipulator politischer Kräfteverhältnisse und wegen Kriegsverbrechen angeklagte Machttechniker, werde seinen eigenen Wahlsieg verordnen, fürchtet die Opposition.

Der jugoslawische Informationsminister Goran Matic hat in Belgrad vorab seine Version von Protesten bis hin zu einer Beteiligung uniformierter Einheiten vorgestellt. Er will die Szenarios für einen von den USA gesteuerten "Putschversuch" der Opposition kennen, die er Journalisten schilderte. Als Polizisten verkleidete Bosnier und Kosovo-Albaner in jugoslawischen Armeeuniform ständen bereit, um die Opposition zu unterstützen, erklärte er.

Die Erläuterungen von Matic können wie ein Fahrplan für die Reaktionen Belgrads auf Straßenproteste verstanden werden. Der jugoslawische Generalstabschef Nebojsa Pavkovic will seine Armee dagegen am Sonntag "in den ersten Kampflinien" stellen. Er kündigte an: "Die Soldaten werden niemanden erlauben, die Macht auf der Straße zu erlangen, und sie werden die Freiheit und unser Land bewahren".

Freiheit und Einigkeit in weiter Ferne

Von Freiheit und Einigkeit ist Jugoslawien nach mehr als einem Jahrzehnt der fast uneingeschränkten Macht von Milosevic und seiner Frau Mirjana Markovic entfernter denn je. Der Staat ist innenpolitisch blockiert und vom europäischen Ausland isoliert. Belgrad, einstmals ein Oberzentrum der Region, ist unter der gemeinsamen Führung von Nationalisten und Sozialisten zum Epizentrum der Balkan-Krise und immer neue Runden hasserfüllter Gewalt geworden.

Westliche Politiker betrachten die Führung dort als Haupthindernis für eine umfassende Friedenslösung in Südosteuropa, die den von nationalistischen Politikern blockierten Nachbarnstaat Bosnien- Herzegowina und das überwiegend von Albanern bewohnte Kosovo einschließen soll.

Während sich eine kleine Machtelite in Belgrad bereichert, erlebt die Bevölkerung einen wirtschaftlichen Niedergang, der noch lange als Hypothek auf Serbien lasten wird. Eine gemeinsame europäische Kraftanstrengung ist nötig, um einem befreiten Jugoslawien Anschluss an die wirtschaftliche und soziale Entwicklung auf dem Kontinent zu ermöglichen.

"Rächt euch für Lügen, Beleidigungen und Schläge, aber nur mit dem Wahlzettel am 24. September", sagt Kostunica, ein moderater Nationalist, der zuletzt fast jeden Tag Zehntausende auf Plätzen versammelt. Am Superwahltag sind neben den Präsidentenwahlen auch die Stimmabgaben für das Bundesparlament, das Parlament der nördlichen Provinz Vojvodina und für die Gemeinderäte in Serbien angesetzt. Sollte Milosevic das Wahlergebnis fälschen, erwartet Kostunica spontane, aber langandauernde Proteste.

Ljubodrag Stojadinovic, ein früherer Sprecher der Armee, warnt seine alten Kameraden, Milosevic vor dem Ergebnis einer Wahl zu beschützen. Er kritisiert den Generalstabschef, weil ein Konflikt zwischen dem Militär und der Straße das Ende "von demokratischen Hoffnungen, Zerstörung der Chancen für alle Wahlen, das Ende der Hoffnungen für ein Ausweg aus der Isolation" sei.

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