Jugoslawien-Wahl
Kosovo-Serben vor jugoslawischer Präsidentschaftswahl gespalten

«Nur Einigkeit kann die Serben retten», lautet ein Graffiti auf vielen Mauern im Kosovo. Von Geschlossenheit unter den rund 100 000 im Kosovo verbliebenen Serben kann vor den jugoslawischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am Sonntag allerdings keine Rede sein.

afp PRISTINA. Zwar haben die Kosovo-Serben im Grunde das gleiche Ziel: Sie wollen die Unabhängigkeit der südserbischen Provinz verhindern, die überwiegend von albanischstämmiger Bevölkerung bewohnt wird. Doch welcher Kandidat dies am besten durchsetzen kann, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Einige Beobachter rechnen am Wahltag sogar mit gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic.

Wie sehr sich der Streit unter den Serben derzeit verschärft, wurde vor einigen Tagen in der zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt Kosovska Mitrovica deutlich: Der wichtigste Präsidentschaftskandidat der jugoslawischen Opposition, Vojislav Kostunica, sprach im serbischen Teil etwa 2000 Menschen. Während ihm die Hälfte der Leute zujubelte, warfen die anderen mit Steinen und faulen Tomaten.

Schwieriger Balanceakt

Die Anhänger Kostunicas werfen Milosevic vor, mit seiner Politik die NATO-Bombardements im vergangenen Jahr provoziert zu haben. Unter anderen unterstützt Oliver Ivanovic, der Führer der Serben im Nordkosovo, Kostunicas Oppositionsbündnis Demokratische Opposition Serbiens (DOS). Auch die im Serbischen Nationalrat (SNV) zusammengeschlossenen Kosovo-Serben haben zur Wahl des Kandidaten der DOS, der 18 Parteien angehören, aufgerufen.

Auf der anderen Seite stehen jene Serben, die Milosevic als ihren unermüdlichen Vorkämpfer sehen, der gegen die kosovo-albanischen «Terroristen» der Kosovo-Befreiungsarmee UCK vorging. Dieser Teil der Kosovo-Serben fürchtet zudem, dass Jugoslawien im Falle eines Wahlsieges der Opposition auf Westkurs gehen könnte. Eine Verständigung mit den Ländern, die letztes Jahr Krieg gegen Belgrad führten, lehnen sie aber strikt ab.

Einig sind sich die Kosovo-Serben hingegen in einem anderen Punkt: Die Teilnahme an den von der UNO organisierten Kommunalwahlen im Kosovo am 28. Oktober lehnen die meisten von ihnen ab. Viele Kosovo-Serben haben sich nicht einmal in die Wahllisten eingetragen. Der Urnengang, so ihre Befürchtung, könnte den gegenwärtigen Status des Kosovo zementieren und die Provinz der Unabhängigkeit einen Schritt näher bringen.

Genau das wünschen sich die Kosovo-Albaner, auch wenn die UN-Resolution 1244 klar festlegt, dass die Provinz ein Teil Jugoslawiens bleiben soll. Trotzdem wird bei den Kommunalwahlen mit einer starken Beteiligung der albanisch-stämmigen Bevölkerungsmehrheit gerechnet. Den Wahlen des Bundesstaates Jugoslawien am Sonntag werden die Albaner dagegen fern bleiben. Und zwar nach bekanntem Muster: Seit 1989, als Belgrad den Autonomiestatus der Provinz aufhob, boykottierten die Kosovo-Albaner alle von Belgrad organisierten Wahlen.

Wahlen als "Farce" kritisiert

Für die UN-Verwaltung im Kosovo ist die Präsidentschaftswahl ein schwieriger Balanceakt. Verhindern kann UN-Verwalter Bernard Kouchner den Urnengang nicht, weil die Provinz weiter zu Jugoslawien gehört. Gleichwohl kritisierte er die Wahlen bereits im Vorfeld als «Farce», frei könnte sie jedenfalls nicht sein. Weil die UN-Verwaltung öffentliche Gebäude nicht als Wahllokale zur Verfügung steht, müssen die Serben am Sonntag in Privathäusern abstimmen. Die UN-Friedenstruppe KFOR werde allerdings Präsenz zeigen und für Sicherheit sorgen, versprach Kouchner. Bereits diese Gratwanderung stößt bei einigen Hardlinern der Kosovo-Albaner auf scharfe Kritik. So kritisierte die Tageszeitung «Kosova Sot», Kouchner habe mit seiner Entscheidung, die jugoslawischen Wahlen im Kosovo zuzulassen, «Öl ins Feuer gegossen».

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