Jugoslawien-Wahl
Kostunica sieht sich als Gewinner der Präsidentenwahl

Nach den Präsidentenwahlen in Jugoslawien sieht Oppositionskandidat Vojislaw Kostunica sich schon klar als Sieger vor Amtsinhaber Slobodan Milosevic. Kostunica sagte am Montag, nach den ihm vorliegenden Informationen sei ihm der Wahlsieg bereits in der ersten Runde sicher.

Reuters BELGRAD. Kostunica sagte, er habe nach den Auszählungen in 1237 der über 10.000 Wahllokale über 54 Prozent der Stimmen gewonnen, Milosevic hingegen nur 33,8 Prozent. Milosevics Partei SPS teilte indes mit, der Amtsinhaber führe mit 44 zu 41 Prozent der Stimmen vor Kostunica. Die SPS berief sich auf die Stimmenzählung in 2478 Wahllokalen. Sollte keiner der Kandidaten in der ersten Runde die absolute Mehrheit erreichen, werden im Oktober Stichwahlen fällig.

Ein oppositioneller Vertreter der Bundeswahlkommission sagte, mit vorläufigen offiziellen Ergebnissen sei Dienstagnachmittag zu rechnen. Außer den Parlaments- und Präsidentenwahlen fanden am Sonntag in der Teilrepublik Serbien auch Kommunalwahlen statt. In der Region Wojwodina wurden zudem noch die Gemeinderäte und ein Provinzparlament gewählt. In Serbien und der kleineren Teilrepublik Montenegro sind rund 7,8 Millionen Menschen stimmberechtigt.

Die ultra-nationalistische Radikale Partei, früher Mitglied von Milosevics Regierungskoalition, teilte mit, Kostunica liege mit 53,5 Prozent vor Milosevic mit 37,9 Prozent. Die Partei, die sich mit Milosevic überworfen hat, berief sich auf die Auszählungsergebnisse in 4358 Wahllokalen. Serbische Wahlbeobachter der Organisation CESID teilten unter Berufung auf rund 308.000 ausgezählte Stimmen mit, Kostunica habe 56,8 Prozent, Milosevic 34,2 Prozent der Stimmen gewonnen.

Aufruf zum Wahlboykott in Montenegro

In der kleineren Teilrepublik Montenegro soll Milosevic den dortigen Sozialisten nach Auszählung von rund einem Viertel der Stimmen über 90 Prozent der Stimmen gewonnen haben. Die montenegrinische Regierung hatte aus Protest gegen eine Verfassungsänderung zugunsten Milosevics zum Wahlboykott aufgerufen. Nach offiziellen Angaben lag die Wahlbeteiligung bei rund 24 Prozent. Die Wählerstimmen aus Montenegro dürften für das Endergebnis kaum ausschlaggebend sein, weil die dortigen Wahlberechtigten nur sechs Prozent aller jugoslawischen Stimmberechtigten ausmachen.

In der serbischen Provinz Kosovo lag Milosevic nach Berichten staatlicher Medien in den von Serben bewohnten Dörfern im Norden klar in Führung. Die Opposition räumte ihre Niederlage in dieser Region ein, wo rund 60.000 Serben stimmberechtigt waren. Die albanisch-stämmige Bevölkerungsmehrheit hatte die Wahl boykottiert.

Versammlungen Tausender Gegner und Hunderter Anhänger Milosevics in den großen Städten des Landes, bei denen zunächst Ausschreitungen erwartet worden waren, verliefen in der Nacht zum Montag offenbar weitgehend friedlich.

Die französische Regierung teilte mit, Minister der Europäischen Union (EU) hätten telefonisch mit dem UNO-Verwalter im Kosovo, Bernard Kouchner, und dem außenpolitischen Koordinator der EU, Javier Solana, über Reaktionen auf einen möglichen unrechtmäßigen Wahlsieg Milosevics beraten. Auch Russland und die Oranisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) seien an den Beratungen beteiligt gewesen. Eine Sprecherin Solanas sagte, es sei noch zu früh, den von der Opposition beanspruchten Sieg Kostunicas zu kommentieren. Zunächst müssten weitere Informationen abgewartet werden.

Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats der USA, P.J. Crowley, sagte, Berichte über die Unregelmäßigekeiten bei den Wahlen stellten ihre Glaubwürdigkeit in Frage. Der britische Außenminister Robin Cook begrüßte die hohe Wahlbeteiligung und warnte Milosevic vor Wahlbetrug. Die Wähler hätten trotz der Einschüchterungen durch das Milosevic-Regime "die Gelegenheit genutzt, für ihre demokratischen Rechte zu stimmen", sagte Cook. Die DOS schätzte die Wahlbeteiligung in Serbien auf 78 Prozent.

Keine unabhängigen Beobachter

Ein Sprecher der serbischen Beobachtergruppe CESID sagte, eine geheime Wahl sei vielfach unmöglich gewesen. Die Wahlprüfer hätten feststellen können, wer gewählt worden sei. Angehörige einer Gruppe von 200 Beobachtern aus 52 Staaten, die die Regierung in Belgrad eingeladen hatte, widersprachen Berichten von Unregelmäßigkeiten. Die Regierung in Belgrad hatte unabhängige Beobachter nicht zugelassen.

Montenegros Präsident Milo Djukanovic sagte in einem vorab veröffentlichten Interview der Tageszeitung "Die Welt" (Montagausgabe), falls Milosevic an der Macht bleibe, erwarte er, dass dieser den Druck auf Montenegro erhöhe. "Milosevic könnte dann versucht sein, die entscheidende Schlacht gegen die Demokratie hier in Montenegro zu führen." Montenegro werde alles tun, um eine Konfrontation zu vermeiden. "Sollte es dennoch zu einem Krieg kommen, so haben wir keine Wahl - dann müssen wir uns verteidigen", sagte Djukanovic. Er stellte für das kommende Jahr eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Montenegros in Aussicht, sollte Milosevic an der Macht bleiben und seine Politik nicht ändern.

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