Jugoslawien-Wahl
Porträt: Der Machtmensch Milosevic

afp BELGRAD. Der Lieblingsfeind des Westens tritt am Sonntag an, sich seine eiserne Herrschaft über Jugoslawien ein weiteres Mal verlängern zu lassen: Zumindest wenn es nach seinem Willen geht, heißt der nächste jugoslawische Präsident so wie der alte, Slobodan Milosevic. Und obwohl Jugoslawien unter seiner Ägide ein weltweit geächteter Staat wurde, sitzt Milosevic bis heute fest im Sattel. Daran konnten weder die Kriege in Kroatien, Bosnien und im Kosovo, noch die NATO-Bombardements im vergangenen Jahr, die internationalen Sanktionen oder die jugoslawische Opposition etwas ändern. Für viele Jugoslawen bleibt «Slobo» einer der glühendsten Verteidiger der serbischen Nation.

Als neuer nationaler Hoffnungsträger begann auch sein Aufstieg am 28. Juni 1989 im Kosovo, wo Millionen Serben seine Brandrede zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld bejubelten. Auf dem Schauplatz ihrer mythenumrankten Niederlage gegen die Türken versprach Milosevic, das einstige Kernland des serbischen Reiches heimzuholen. Stattdessen gab der heute 59-Jährige mit seiner Rede den Anstoß zum Zerfall Jugoslawiens. Seinem Volk bescherte er Tausende Tote, Hunderttausende Vertriebene, wirtschaftliches Elend und das Ende aller großserbischen Ambitionen.

Geboren wurde der Sohn eines orthodoxen Theologen aus Montenegro und einer Kommunistin am 20. August 1941 im ostserbischen Pozarevac. 1986 übernahm der Jurist die Führung der serbischen Kommunisten. Ein Posten, mit dem Milosevic weitreichende Ambitionen verband: Starker Mann eines von den Serben beherrschten Jugoslawien wollte er werden, und dazu bediente er sich hemmungsloser nationalistischer Propaganda. 1989 setzte Milosevic die den Kosovo-Albanern zuerkannte Autonomie innerhalb der serbischen Republik außer Kraft. Die serbischen Präsidentschaftswahlen 1990 wurden zu einem Triumph für den Machtpolitiker.

"Alle Serben in einen Staat» lautete das Schlagwort, unter dem er von 1991 an die Feldzüge gegen Kroatien und Bosnien entfesselte. Doch der Krieg in Kroatien endete 1995 mit der serbischen Niederlage und der Vertreibung von 200.000 Menschen aus ihrer seit 300 Jahren angestammten Heimat. Im Bosnienkrieg avancierte Milosevic zum hofierten Gesprächspartner des Westens. Das Friedensabkommen von Dayton besiegelte 1995 das Ende des Kriegs, die 1992 verhängten internationalen Sanktionen wurden teilweise ausgesetzt. Im eigenen Land gelangte Milosevic auf den Höhepunkt seiner Popularität.

Doch der Kosovo-Konflikt trieb die aus den Teilrepubliken Serbien und Montenegro bestehende Bundesrepublik Jugoslawien wieder in die vollständige internationale Isolierung. Im Frühjahr 1999 musste sich Milosevic nach elf Wochen der NATO geschlagen geben; das Haager UN-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien klagte ihn wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Für den Erhalt seiner Macht kennt Milosevic keine Hindernisse. So vertauschte er im Juli 1997 nach sieben Jahren das Amt des serbischen Staatschefs mit dem des jugoslawischen Präsidenten, weil ihm die serbische Verfassung eine Kandidatur zur Wiederwahl verbot. Und als sich im Juli diesen Jahres das gleiche Problem wieder stellte, ließ er kurzerhand die jugoslawische Verfassung ändern. Künftig darf der Staatschef direkt vom Volk gewählt werden und länger als nur eine Legislaturperiode im Amt bleiben. Doch dieses Mal wird es nicht einfach für den Belgrader Machthaber. Umfragen zufolge liegt Milosevic weit abgeschlagen hinter dem Oppositionskandidaten Vojislav Kostunica. Zu schaffen macht ihm außerdem die montenegrinische Führung unter dem reformorientierten Präsidenten Milo Djukanovic. Eine Niederlage Milosevics könnte weitreichende Folgen haben: Beabachter befürchten, dass dem aufmüpfigen Montenegro ein militärisches Eingreifen Belgrads droht, sollte Milosevic sich mit Gewalt an der Macht festklammern. Ob Sieg oder Niederlage des Feindes: Aus Sicht des Westens scheint die Zukunft Jugoslawiens in jedem Fall äußerst unstabil. jpf/br AFP 220329 SEP 00

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