Jugoslawien-Wahl
Porträt: Milosevic-Herausforderer Kostunica

afp BELGRAD. Seine Stimmlage ist monoton, die Gesichtszüge bierernst, seine Worte in der Regel mit übergroßer Sorgfalt gewählt. Charisma ist das Letzte, was Vojislav Kostunica auf den ersten Blick versprüht. Dennoch geht der Kandidat des Oppositionsbündnisses DOS am Sonntag als haushoher Favorit in die jugoslawische Präsidentschaftswahl. Den jüngsten Umfragen zufolge liegt Kostunica bei 48 Prozent in der Wählergunst - mehr als 20 Prozentpunkte vor dem amtierenden Präsidenten Slobodan Milosevic. Selbst frühere Milosevic-Mitstreiter wie der Schriftsteller und ehemalige Staatschef Dobrica Cosic unterstützen mittlerweile den den Vorsitzenden der eher unbedeutenden Demokratischen Partei Serbiens (DSS).

So spröde Kostunica auf den ersten Blick wirkt, so solide ist sein Ruf als absolut integrer Politiker mit festen Ansichten: «Wir müssen mit sauberen Händen gegen die kämpfen, denen jedes Mittel recht ist, um an ihr Ziel zu kommen», ist die Devise des 56-jährigen Juristen. Während fast alle Oppositionspolitiker dem selbstherrlich agierenden Präsidenten Milosevic im Laufe seiner zehnjähriger Amtszeit ihre Aufwartung machten, lehnte Kostunica konsequent jedes Treffen mit dem Staatschef ab, dem er Amtsmissbrauch und Wahlmanipulation vorwirft. Je näher der Wahltermin rückt, desto mehr verschärfen sich die Angriffe des sonst so gemäßigten Politikers gegen Milosevic.

Bei aller Kritik an dem jugoslawischen Präsidenten hält Kostunica andererseits an seinem harschen Urteil über die Jugoslawien-Politik des Westens fest. Das UN-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien nennt er eine «ungeheuerliche Institution», die rein politisch motiviert sei. Die Klage gegen Milosevic wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet er als «verachtenswert und kontraproduktiv». Der Westen habe dadurch Milosevic in die Hände gespielt und den Boden für eine Radikalisierung seiner Politik bereitet.

Von seiner einst radikalen anti-westlichen Haltung ist Kostunica jedoch mittlerweile abgerückt. Bis zu seiner Nominierung hatte sich der heute gemäßigte Nationalist gerade auf den nötigsten Kontakt mit Vertretern von NATO-Ländern beschränkt. Seitdem trifft er sich in Belgrad regelmäßig mit europäischen Diplomaten und schlägt weichere Töne an: Serbien müsse die internationalen Kräfteverhältnisse anerkennen und sich dem Westen annähern, wenn es seine nationalen Interessen durchsetzen wolle. «Ich bin für eine Zusammenarbeit, aber ohne Ehrerbietung,» erläutert Kostunica.

Als die Europäische Union ankündigte, im Falle der Abwahl Milosevics die Sanktionen gegen Belgrad aufzuheben, begrüßte Kostunica dies als «Beweis, dass sich die europäische Jugoslawien-Politik verbessert» habe. Für den Westen ist der erklärte Anti-Kommunist allemal der erwünschtere Kandidat - obwohl er eher als Übergangsfigur gehandelt wird, nach dem Motto: Hauptsache, Milosevic ist weg.

Kostunicas Chancen, nach einem möglichen Wahlsieg tatsächlich ins Präsidentenamt zu gelangen, schätzen nationale wie internationale Beobachter eher gering ein. Der jugoslawische Oppositionspolitiker Vuk Draskovic prophezeit, Milosevic werde «vor keinem Mittel zurückschrecken, um diese Wahl zu manipulieren». Auch Kostunica glaubt nicht, dass es ohne Betrug abgehen wird. Milosevic regiere schon seit Jahren durch «Stimmenklau», sagte er bei einer der letzten Wahlkampfveranstaltungen.

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