Jugoslawiens Präsident tritt gegen Reformökonomen an
Präsidentenwahl entscheidet über Serbiens Westorientierung

Es ist Reformern wie Miroljub Labus zu verdanken, wenn Serbien inzwischen gute Chancen hat, als Teil einer künftigen Konföderation mit Montenegro in den Europarat aufgenommen zu werden.

HB BUDAPEST. Bei der Europäischen Union, der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) schätzt man den 55-jährigen Professor, der viel für den Aufbau der Marktwirtschaft in Serbien getan hat. Jetzt zählt er mit dem Staatsoberhaupt der perspektivlosen Bundesrepublik Jugoslawien, Vojislav Kostunica, zu den aussichtsreichsten Bewerbern bei der serbischen Präsidentenwahl am kommenden Sonntag.

Sprachgewandt und stets korrekt gekleidet reist Labus durch die Lande, um den Wählern zu erläutern, welche Vorteile Serbien von einer künftigen Mitgliedschaft in der EU zu erwarten hat.

Ganz anders als Labus setzt Kostunica auf serbische Selbstgenügsamkeit und spielt mit populistischen Parolen auf die nationalen Gefühle der Serben an. So stellte er unlängst die Grenzen des Nachbarstaates Bosnien-Herzegowina in Frage, als er sagte, dass die Serbische Republik als einer der beiden Teilstaaten Bosniens nur vorrübergehend vom serbischen Mutterland getrennt sei. Die Reformer um Labus und den serbischen Premier Zoran Djindjic sieht Kostunica als prinzipienlose und korrupte Lakaien des Westen, die kritiklos Einflüsterungen ausländischer Experten umsetzen.

Beide Spitzenbewerber sehen sich allerdings der Tatsache gegenüber, dass die serbischen Wähler nur mäßiges Interesse für den Urnengang am Sonntag aufbringen. Belgrader Zeitungskommentatoren befürchten sogar, weniger als 50 % der gut 6 Millionen Wahlberechtigten könnten abstimmen. Sollte keiner der Kandidaten mehr als die Hälfte der Stimmen erhalten, ist ein zweiter Wahlgang nötig.

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigte sich am Dienstag, als Kostunica für seine Abschlusskundgebung im Herzen Belgrad ganze 5000 Anhänger mobilisieren konnte. Im September 2000, kurz vor dem Sturz des Diktators Slobodan Milosevic, kamen zu den Auftritten von Kostunica, Djindjic und anderen Führern der damaligen demokratischen Opposition 200 000 und mehr Zuhörer. Viele Bürger sind enttäuscht von der neuen politischen Klasse der Nach-Milosevic-Ära, die sie für fast so korrupt wie die alten Gefolgsleute des Diktators halten. Auch der seit Monaten anhaltende Machtkampf zwischen Kostunica und Djindjic, der über weite Strecken die öffentliche Debatte bestimmt, sorgt für Überdruss.

Sorgfältige Recherchen serbischer Journalisten haben inzwischen auch zu Tage gefördert, dass die Entmachtung des Milosevic-Regimes im Oktober 2000 nicht nur eine Revolution des Volkes unter Führung der Opposition war. Mitentscheidend für den Machtwechsel waren auch die Meuterei einzelner Teile des Militärs sowie Absprachen von Oppositionspolitikern wie Djindjic mit Polizeieinheiten des alten Regimes. Solche Vereinbarungen zwingen Djindjic bis heute zur Zurückhaltung bei der Säuberung des Staatsapparats von Gefolgsleuten Milosevics.

Quelle: Handelsblatt

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