Junge ägyptische Romanciers auf der Suche nach dem „Ich“ wollen von Politik nichts wissen
Schluss mit den Ideologien

Mustafa Zikri, Muntasser el Qaffasch und die Frauen Miral el Tahawy oder Noura Amin gehören zu der so genannten "90er-Generation". Sie sind junge ägyptische Schriftsteller, die frei von Ideologien eine klare Botschaft vermitteln wollen.

HB KAIRO. Die rote Baseballmütze, sein Markenzeichen, hat er ausnahmsweise abgenommen. Der 38-jährige Mustafa Zikri reckt den kahl geschorenen Schädel über die Brüstung im Restaurant "Andrea" am Ufer des Nils und hebt zu einer Parodie an den Mond an, der in der klassischen arabischen Literatur gern als Metapher für Liebe und Sehnsucht benutzt wird. Die Metapher funktioniert nicht mehr, findet Zikri, und zeigt auf die Flugzeuge, die vom Inlandsflughafen Imbaba in den Nachthimmel aufsteigen. "Die Flugzeuge fliegen zu nah am Mond vorbei."

Bei "Flugzeug" schießt Zikri ähnlich assoziativ wie in seinen Werken ein anderer Gedanke durch den Kopf. "Es ist schon okay, dass ich nicht nach Frankfurt fliege", sagt er und steckt sich eine weitere Zigarette an, "ich habe Platzangst im Flugzeug. Außerdem darf man da nicht rauchen." Er gönnt seinem Freund Montasser el Qaffasch, der im Korbsessel neben ihm sitzt, dass er einer der wenigen Vertreter der jüngeren ägyptischen Literaturszene auf der Buchmesse sein wird.

Wirklich sauer ist eigentlich nur der unabhängige Verleger Hassan Hammad, der gerade das erste Buch in seinem neuen Verlag für arabische Literatur "Lisan" (Zunge) in der Schweiz herausgebracht hat: Mustafa Zikris "Viel Lärm um ein gotisches Labyrinth". Bei seinem Erscheinen 1996 in Ägypten hatte das Werk Aufsehen erregt. "Mustafa ist einer der interessantesten Vertreter der neuen Generation", meint der kräftige Hammad, der sich auf die Übersetzung junger Autoren spezialisiert hat. "Seine Sprache ist deftig, er parodiert unser kulturelles Erbe und kennt keine Tabus." Damit hätte Zikri ein anderes Bild der arabischen Welt in Frankfurt vermitteln können, findet Hammad, das wenig mit den Stereotypen zu tun habe, die den Blick auf die arabische Welt noch immer verstellten.

Mustafa Zikri, Muntasser el Qaffasch und die Frauen Miral el Tahawy oder Noura Amin gehören zu der so genannten "90er-Generation", die in den 90er-Jahren mit dem Schreiben begonnen hat. Ihre Gemeinsamkeit: die Abwesenheit von Ideologien und klaren Botschaften, die Suche nach neuen Erzählformen, um die Widersprüche der eigenen Seele auszudrücken, die poetische Sprache. Damit rücken sie ab von den etablierten Schriftstellern, die in den 60er-Jahren antraten und von der Politik des damaligen Präsidenten Nasser geprägt waren. In deren Werken gibt es meist eine Botschaft, einen Helden und Antworten. "Wir haben die Nase voll von Helden", sagt Zikri. "Unsere Figuren sind immer auf der Suche, kommen aber nirgendwo an."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%