Junge Handwerker unterwegs in der Welt
Wanderschaft ist wieder „in“

Für Tobias kostet die Welt nur Überwindung, Mut und Verzicht auf Luxus. Seit einem Jahr ist der 23 Jahre alte Zimmermann aus dem thüringischen Holzhausen auf Wanderschaft.

dpa/HB ERFURT. Rund 700 Jugendliche erkunden derzeit ähnlich wie er weltweit Land und Leute. Die dreijährige Wanderschaft nach der handwerklichen Ausbildung ist wieder gefragt - in den 70er Jahren waren in Deutschland pro Jahr nur rund 20 Leute unterwegs. Das Ziel lautet seit jeher: Die ausgelernten Handwerker sollen erwachsen werden und lernen, sich durchzusetzen.

Knapp 250 Kilometer von zu Hause entfernt traut Tobias seinen Augen nicht. Als er mit seiner schwarzen Kluft und Hut die Hauptstraße im sächsischen Marienberg entlang läuft, entdeckt er im Verkehrsstau am Nummernschild ein Auto aus seinem Heimatkreis. Drei Minuten später sitzt er im Wagen der Urlauber und fährt mit ihnen nach Prag. Ob Frankreich, England, Ungarn, Italien, Schweiz, Österreich, Tschechien oder Spanien: Ständig lernt er neue Orte und Menschen kennen. "Es geht darum, seinen Weg zu finden." Unter der Obhut von vier großen Zünften in Deutschland gehen die jungen Handwerker auf Wanderschaft. Werner Kirscht nennt sich seit 1955 "Rolandsbruder" - heute ist er Zentralleiter der Vereinigung. "Jede Zunft hat ihre eigenen Regeln", sagt der 68-Jährige. "Bei uns darf man drei Jahre lang nicht näher als 60 Kilometer an seinen Heimatort kommen." In den anderen Zünften sind es 50 Kilometer. Wie Werner Kirscht meint, "kann ein solcher Regelbruch auch schon einmal weh tun".

Ein äußeres Erkennungsmerkmal der Wanderburschen sind ihre Schlipse: "Rechtschaffene" tragen ihn in Schwarz, "Rolandsbrüder" in Blau und "Freiheitsbrüder" in Rot. Die "Freien Vogtländer" sind an einer Nadel im Hemd zu erkennen. Bis in das 12. Jahrhundert geht die Tradition der Wanderschaft zurück.

"Früher mussten Handwerker drei Jahre auf Wanderschaft gehen, um Nachfolger des Vaters werden zu können", erklärt Kirscht die Meisterzünfte. Die heutigen Zünfte seien im 19. Jahrhundert gegründet worden. "Die Rolandsbrüder gibt es seit dem 1. Mai 1891. Wir fühlen uns mit der Arbeiterklasse verbunden", sagt er.

Nach einem Jahr Wanderschaft fühlt sich Tobias reicher an Erfahrungen. "Ich habe gelernt, mich auf mein Gefühl zu verlassen und nicht darauf, was die Leute einem empfehlen." Er wisse, dass er irgendwie immer einen Schlafplatz finde und am Ende eines Tages etwas gegessen habe.

Um Geld zu verdienen, suchen sich die jungen Männer meist an jedem Ort eine Arbeit. Tobias hat nicht nur als Handwerker gearbeitet. "Ich habe schon in einem Kloster Unkraut gezupft." Für Kirscht sind die verschiedenen Arbeitsstellen eine "Weiterbildung". Wohin Tobias als nächstes geht, weiß er noch nicht genau - vielleicht nach Budapest oder nach Kalifornien. Eines aber ist sicher: Er wird den vorgeschriebenen Abstand von seinem Heimatort einhalten.

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