Junge Notenbank
EZB darf sich nicht von Märkten treiben lassen

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat 2001 bewiesen, dass sie angemessen auf unvorhersehbare Ereignisse und Konjunkturschocks reagieren kann.

Reuters FRANKFURT. Auch im nächsten Jahr wird die immer noch junge Notenbank ihre gesamte Erfahrung aufbringen müssen, um die Konjunktur in der Euro-Zone wieder auf Touren zu bringen. Dabei setzen die Volkswirte darauf, dass die EZB sich nicht von den Märkten und der Politik treiben lässt und die wirtschaftliche Entwicklung objektiv beurteilt. Viele Politiker und Wirtschaftsforscher redeten die konjunkturelle Wende schon für das Frühjahr 2002 herbei. Die EZB aber müsse Augenmaß bewahren und ihre Entscheidungen besser kommunizieren. Auf der politischen Tagesordnung wird neben der Euro-Bargeldeinführung und der EU-Osterweiterung auch die Diskussion über die mögliche Nachfolge von EZB-Chef Wim Duisenberg stehen.

"Die EZB hat 2001 ganz klar dazugelernt. Trotzdem bestand immer noch der Eindruck, sie habe sich von den Ereignissen treiben lassen und vor allem in der ersten Jahreshälfte die Zinsen eher widerwillig gesenkt", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt von Invesco Asset Management. Wie viele seiner Kollegen bezeichnete er die Leitzinssenkungen seit Herbst als entschlossene Reaktion auf die Anschläge in den USA vom 11. September. Im Mai hatte die EZB für die aus Sicht einiger Experten verspätete Zinssenkung noch Kritik geerntet. "Insgesamt hat sich die EZB gut geschlagen. Ihr Problem liegt in der Kommunikation. Sie hat das Richtige gemacht, es aber schlecht verkauft", sagte Thomas Mayer von Goldman Sachs.

Volkswirte warnen die EZB davor, in der Hoffnung auf einen Aufschwung im nächsten Jahr zu lange mit weiteren Zinssenkungen zu zögern. Die schon seit Monaten rückläufige Inflation gebe genügend Spielraum für geldpolitische Lockerungen. Obwohl Duisenberg zuletzt die Erwartungen auf eine baldige Zinssenkung gedämpft hatte, rechnen die meisten Experten noch im Frühjahr 2002 mit einer Reduzierung des Schlüsselzinses von derzeit 3,25 %.

"Es wäre verwunderlich, wenn sie schon am 3. Januar die Zinsen lockert. Ich sehe diesen Schritt, und zwar um 50 Basispunkte, eher gegen Ende des ersten Quartals. Die EZB fühlt sich bei dem gegenwärtigen Zinsniveau wohl", sagte Mayer, der in den nächsten Wochen und Monaten eine Reihe schwacher Konjunkturindikatoren erwartet. Aus seiner Sicht könnte der Aufschwung noch einige Zeit auf sich warten lassen. "Das Jahr 2002 wird schwierig, weil alle von Wende reden. Jetzt kommt es auf das richtige Timing der Geldpoilitik an. Die EZB muss alle Indikatoren wieder neu beurteilen." Steigende Kurse an den Aktienmärkten, die nach landläufiger Meinung den Aufschwung schon Monate im Voraus signalisieren, dürfe die EZB keinesfalls überbewerten. "Der Bezug auf den Aktienmarkt wäre der falsche Maßstab oder Gradmesser für die Geldpolitik."

Die nach der Fed weltweit zweitwichtigste Notenbank muss sich denn auch vor allem in Fragen der Kommunikation an der Fed messen lassen. "Die EZB sollte Märkte prägen und sich nicht von ihnen treiben lassen. Das gute Vorbild sind da die USA", sagte Krämer. Als verbesserungswürdig gilt weiterhin die Vorbereitung der Zinsänderungen. Analysten lobten die EZB für ihre Entscheidung aus dem November, nur noch auf jeder ersten Ratssitzung des Monats einen Zinsbeschluss zu fassen. Auch habe EZB-Chef Duisenberg zu Recht immer mehr verdeutlich, dass seine Kommentare - und nicht unbedingt die seiner 18 Ratskollegen - für die Märkte ausschlaggebend sein sollten.

Doch gerade der mittlerweile 66-jährige Niederländer dürfte spätestens ab Mitte 2002 im Zentrum der politischen Diskussion stehen. Denn die Ernennung Duisenbergs im Mai 1998 glich einem politischen Kuhhandel. Er galt als Wunschkandidat der Bundesregierung. Frankreich stimmte erst zu, nachdem Duisenberg eine vage Erklärung abgerungen wurde, wonach er voraussichtlich nicht die gesamte Amtszeit von acht Jahren im Amt bleiben wolle. Als aussichtsreichster Nachfolger Duisenbergs gilt der französische Notenbank-Chef Jean-Claude Trichet. Eine erneute Debatte über die Nachfolge Duisenbergs würde die Reputation der Notenbank beschädigen. "Im Falle eines Rücktritts müsste zumindest der Eindruck der Freiwilligkeit gewahrt bleiben", sagte Krämer.

Duisenberg ist jedoch immer für eine Überraschung gut und könnte auch seine bis Mitte 2006 laufende Amtszeit voll erfüllen. Anfang November hatte er keineswegs amtsmüde geklungen und einen Wechsel an der EZB-Spitze zumindest in den nächsten zwölf Monaten als unklug bezeichnet.

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