Junger Markt für Billigfluglinien ist noch klein, aber wachstumsträchtig
Billigflug-Euphorie verändert die Tourismus-Branche

Selbst hochrangige Manager des Touristikkonzerns TUI wurden Ende Mai von den Plänen ihres Chefs Michael Frenzel für eine eigene Billig-Fluglinie überrascht. An diesem Mittwoch soll nun der Aufsichtsrat die Pläne absegnen. TUI wendet sich mit den Low-Cost-Plänen zwar zunächst an Geschäftsreisende. Branchenexperten erwarten aber schon bald Auswirkungen auf das Touristikgeschäft.

rtr HANNOVER. Mit dem weltgrößten Touristikanbieter TUI steigt bereits der zweite große Reisekonzern in ein Geschäftsfeld ein, das bislang vornehmlich reinen Fluggesellschaften vorbehalten war. Neulinge wie die irische Ryanair und die britische Easyjet oder in Deutschland Germania machten bislang den großen Airlines mit ihren Spar-Angeboten das Leben schwer. Der britische Touristikkonzern MyTravel, in Europa derzeit Nummer zwei hinter TUI, kündigte bereits vor drei Wochen die Gründung der neuen Airline "MyTravelLite" an. Mit zwei Maschinen sollen von Birmingham aus neben Paris, Genf und Belfast auch erstmals die beiden klassischen spanischen Touristik-Airports in Alicante und Malaga angeflogen werden. TUI will zusammen mit seinem voraussichtlichen Partner Germania von Dezember an ab Köln/Bonn sechs große Städte in Europa anfliegen und wendet sich erst einmal vornehmlich an Geschäftsreisende. Konzernintern wird allerdings längst darüber nachgedacht, wie lange sich TUI noch einem Billig-Flugangebot etwa für Mallorca verschließen kann.

Die Reisebranche ist hellwach. "Sicher wird das Auswirkungen haben", sagt Klaus Laepple, Präsident des Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter-Verbandes (DRV). "Zunächst einmal kann man aber mit günstigen Preisen neue Kunden gewinnen, die bisher kaum geflogen sind." Mittelfristig habe der derzeitige Gründerboom bei Billig-Fluggesellschaften auch Konsequenzen für das klassische Reisegeschäft. "Man muss einfach sehen, dass der klassische Vertrieb von Flügen über Reisebüros berührt ist, denn Low Cost wird ja vor allem über Call Center oder das Internet gebucht, wo keine Provisionen gezahlt werden", sagt Laepple. TUI will allerdings seinen starken Vertrieb nutzen und nicht nur auf das Internet setzen. "Wenn allerdings zunehmend alles online abgewickelt wird, bestehen auch Gefahren für klassische Pauschalreisen. Denn wenn ich online einen Billigflug buche, kann ich auch gleich noch das passenden Hotel anklicken", sagt Laepple. Die größte Sorge innerhalb der TUI ist, dass die Billig-Fluglinie der eigenen Flugtochter Hapag-Lloyd zu viele Kunden abspenstig machen könnte. Anders als in Großbritannien verkaufen Charterflieger in Deutschland schon jetzt zahlreiche Restplätze ohne dazu gehöriges Hotel. Für Hapag-Lloyd ist dies ein wichtiges Zusatzgeschäft, um die Auslastung der Maschinen um entscheidende Prozentpunkte zu erhöhen.

Der junge Markt für Billigfluglinien ist zwar noch klein, aber wachstumsträchtig und deshalb hart umkämpft. So legten Ryanair und Easyjet allein im Monat Mai mit ihren Gästezahlen gegenüber dem Vorjahr um mehr als 40 % auf 1,2 Mill. beziehungsweise auf knapp 900 000 Passagiere zu. Auch die Deutsche Lufthansa schaut nicht länger zu. Mit dem am Dienstag vorgestellten neuen Preismodell tritt der Brancherführer direkt gegen Billigflieger an und will mehr Privatkunden auf innerdeutschen Strecken an Bord holen. Außerdem will die 25 %-Beteiligung Eurowings mit der neuen Germanwings bereits im Oktober wie TUI ab Köln/Bonn Low-Cost-Flüge anbieten. Damit hätte auch die Touristiktochter von Lufthansa und Karstadt, Thomas Cook, eine Option auf ein konzernnahes Billig-Angebot.

Branchenexperten gehen davon aus, dass schon bald die ersten Anbieter wieder aufgeben müssen. "Wenn so viele in diesen Markt drängen, kann es für einige eng werden", sagt Jadwiga Bobrowska, Touristikanalystin bei WestLB Panmure. "Die Konzentrationstendenzen sind schon jetzt erkennbar", sagt auch DRV-Chef Laepple. Neben dem Preiskampf laufe bereits ein Kampf um die Kapazitäten auf den begehrten Zielflughäfen.

Die Touristikexperten in den Investmentbanken schwanken angesichts der TUI-Low-Cost-Pläne zwischen Zustimmung und Skepsis. "Dies wird das Kerngeschäft mit Pauschalreisen zunächst kaum berühren", sagt Raimon Kaufeld von der DZ Bank. Kollegin Bobrowska sieht die Billigflüge vor allem als Möglichkeit, zusätzliche Kunden etwa für Kurzreisen zu gewinnen. Dennoch blieben viele Fragezeichen.

Dass sich nicht nur reine Fluggesellschaften, sondern auch ein Reisekonzern wie TUI um neue Entwicklungen auf dem Flugmarkt kümmert, findet auch Christian Obst von der Hypovereinsbank richtig. Dennoch zeigt er sich skeptisch. "Denn wir haben es mit einem neuen Segment zu tun, wenn es bei Low Cost vor allem um Geschäftsreisen geht. Und dort im Business Travel gibt es bereits starke Player", sagt Obst.

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