Jungstar glaubt trotz seiner Verletzungen fest an seine Rückkehr
„Das ist mein Spiel“

Vor dem Wiedersehen mit seinen Ex-Kollegen aus Berlin hat sich der dauerverletzte Deisler in München gut eingelebt. Doch das Wichtigste fehlt ihm noch: der Ball.

MÜNCHEN. Der junge Mann ist schlecht rasiert, das Haar stoppelkurz geschoren. Anscheinend hat er abgenommen, die Muskulatur hat sich ein wenig zurückentwickelt. Doch es sind nicht alleine die äußerlichen Zeichen, die sagen: Zumindest ein Teil von Sebastian Deisler leidet noch. Die zeigen: Er ist auf Entzug. Was ihm am meisten gefehlt hat in den letzten Monaten, wird er gefragt. "Der Ball", spricht Deisler. Er sagt es nicht bloß, er stellt die Worte einsam in den Raum, mit fester Stimme, dann schweigt er eine Weile und ergänzt mit bestimmendem Unterton: "Das Spiel. Das ist mein Spiel. Ich werde mein Spiel wieder spielen. Davon bin ich tausendprozentig überzeugt." In München warten sie seit Deislers Wechsel darauf, dass er seine Besitzansprüche auf das Spiel endlich auslebt. Ein halbes Jahr nach seiner Ankunft in Bayern gibt es nur eine Frage: Wann?

Seit letzter Woche scheint sich der Nebel der Ungewissheit langsam aufzulösen. Deisler hat mit dem Einzeltraining begonnen. Und bald schon, so hoffen sie hier, wird der 19-malige Nationalspieler sein außerordentliches Talent erstmals zum Wohle des FC Bayern einsetzen. "Ich hoffe, dass er im Januar mit dem Mannschaftstraining beginnen kann", sagt sein neuer Trainer Ottmar Hitzfeld. "Wir müssen seine gute Entwicklung weiter beobachten und die Intensität seines Trainings erhöhen."

Prognosen für einen Comeback-Termin mag Deisler nicht stellen. Es langweilt ihn, über Daten zu spekulieren. Natürlich macht er sich seine Gedanken, "im Geheimen", wie er sagt, aber nicht im Presseraum. "Ich entscheide, wann es soweit ist." Betonung auf: Ich. Vielleicht absolviert er im Trainingslager in Marbella die erste Einheit mit der Mannschaft. Überstürzen, so sagt er, wolle er jedenfalls nichts. Kein Wunder: Seine Krankengeschichte könnte Deisler schon jetzt im Taschenbuchformat herausgeben, mit 22 Jahren. Knieoperationen? "Ich glaube es waren fünf", sagt er, "alle am selben Knie - aber immer eine andere Geschichte." Inzwischen könne er das lädierte Gelenk immerhin wieder zu 80 Prozent belasten. Der Weg zurück ist mühsam.

So mühsam, dass sich vor Wochen einige Journalisten vorstellen konnten, Deisler würde seine Karriere beenden, noch bevor sie richtig begonnen hat. Prompt organisierte der Verein eine Pressekonferenz, damit Deisler eine Gegendarstellung verbreitet. "Ich habe nie daran gezweifelt zurückzukommen", sagte Deisler auch am Mittwoch, "auch wenn es Momente gibt, wo alles nicht so leicht fällt." An solch trüben Tagen hört er "schwarze Musik" oder liest "Sachbücher". Und telefoniert. "Viel sogar. Mit meinen Freunden." Auch mit Rudi Völler? "Nein. Schon lange nicht mehr." Die Nationalelf scheint noch weit weg, obwohl er sich dort verletzte, im Mai, beim 6:2 gegen Österreich.

Lieber beschäftigt er sich mit den Zielen seines neuen Vereins. Im Mai im verschwitztem Trikot die Schale hochzurecken, "das ist ein Abschluss, auf den ich hinarbeite." Gleiches gilt für das Pokalendspiel in seiner ehemaligen Wahlheimat Berlin. "Das ist natürlich was, wovon man träumt."

Noch lässt ihm sein Alltag ausreichend Zeit dazu. Kraftbolzen, Koordinationsübungen, Einzeltraining - für einen, der Fußball als Spiel, manchmal als Kunst begreift, ist das Hüpfen zwischen Hütchen so spannend, als ließe man einen Stararchitekten mit Mörtel und Backsteinen hantieren. Dennoch, will Hitzfeld beobachtet haben, "kehrt bei Sebastian die Freude zurück. Er freut sich darauf, bald zur Mannschaft zu stoßen." Den Kontakt zu den Kollegen empfindet Deisler schon jetzt als "gut. Aber es ist anders, als wenn man immer dabei ist. Man steht ein bisschen außen vor." Generell gefällt ihm die neue Umgebung. "Die Mentalität ist mir vertrauter. Ich komme ja aus Süddeutschland."

Beim Gastspiel seiner ehemaligen Kollegen am Samstag wird er auf der Tribüne sitzen. Immerhin bleiben ihm so die Pfiffe der Berliner Fans erspart, die ihm Ende letzter Saison sein Kurz-Comeback erschwerten. "Das hat weh getan. Gerade nach fünf Monaten Pause ist das nicht spurlos an mir vorübergegangen." Er stehe noch mit einigen Herthanern in Kontakt, doch Telefonate wegen des Spiels habe es noch keine gegeben. Für ein nettes Gespräch fehlt wohl auch die Grundlage. "Wir gewinnen", sagt Deisler. "Wir", das heißt bei ihm nun FC Bayern.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%