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Juniorprofessoren erproben Karriere ohne «Habil»

Berlin (dpa) - Ex-Juniorprofessorin Claudia Kemfert (35) kann in mehrfacher Hinsicht als Vorzeigefrau gelten: Seit Mai ist die promovierte Volkswirtin mit Schwerpunkt Umweltökonomie nicht nur Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), sondern auch ordentliche Professorin an der Berliner Humboldt-Universität.

Berlin (dpa) - Ex-Juniorprofessorin Claudia Kemfert (35) kann in mehrfacher Hinsicht als Vorzeigefrau gelten: Seit Mai ist die promovierte Volkswirtin mit Schwerpunkt Umweltökonomie nicht nur Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), sondern auch ordentliche Professorin an der Berliner Humboldt-Universität.

Mit dieser bundesweit einzigartigen Karriere ist die energische junge Frau mit den blonden Locken beredte Werbung für das Projekt Juniorprofessur, mit dem der Bund seit zwei Jahren gegen viele Widerstände versucht, Deutschlands Wissenschaftsnachwuchs zu fördern.

Neun Länder haben das Gesetz inzwischen umgesetzt, darunter auch Baden-Württemberg, das anfangs äußerst skeptisch war. Bayern, Thüringen und Sachsen sind dagegen vor das Bundesverfassungsgericht gezogen, das an diesem Dienstag (27.7.) sein Urteil verkündet. Die drei Länder haben nichts gegen die Juniorprofessur, wenden sich aber gegen die faktische Abschaffung der klasischen Habilitation als Weg in den Professorenberuf. Sie wollen beide Möglichkeiten. Angriffspunkt der Klage ist, dass der Bund das Gesetz am Bundesrat vorbei in Kraft gesetzt hat - ähnlich wie das bundesweite Studiengebührenverbot, über das die Karlsruher Richter auch noch in diesem Jahr entscheiden wollen.

Anträge für die Förderung von Juniorprofessuren liegen aus allen Bundesländern vor. Doch die Mühlen der Hochschulen mahlen bei der Stellenbesetzung langsam. Von den 6000 vom Bund angebotenen Stellen sind erst 900 bewilligt.

Für Kemfert, die zuvor an der Universität Oldenburg zwar eine Forscher-Nachwuchsgruppe leitete, aber keine Entscheidungskompetenz hatte, war die Sache hingegen klar: «Als ich 2000 das Angebot für eine Juniorprofessur bekam, habe ich sofort Ja gesagt.» Mit dem neuen Titel öffneten sich für sie die Türen der internationalen Wissenschaftlergemeinde und auch zu vielen Zimmern ihrer Kollegen. «Zwar gibt es da immer noch Vertreter der traditionellen Schule, für die eine Habilitation unverzichtbar ist, aber es hängt auch vom eigenen Selbstbewusstsein ab, wie man sich durchsetzt», sagt Kemfert.

Der Verzicht auf die zeitaufwändige Habilitation ist ein Kernstück des Projekts, das Nachwuchswissenschaftler möglichst bald nach der Promotion in die Lehre bringen will und wie eine C1-Stelle bezahlt. Bundesweit hat da die Humboldt-Universität die Nase vorn - 45 Juniorprofessoren sind hier mittlerweile an allen Fakultäten außer der juristischen vertreten. «Und alle würden es wieder tun», berichtet HU-Sprecherin Mirjam Müller mit Blick auf eine jüngst veröffentlichte hausinterne Umfrage. An der Technischen Universität Berlin gab es im Mai 11 Juniorprofessuren, an der Freien Universität werden es in Kürze 42 sein.

Juniorprofs müssen vier Semesterwochenstunden unterrichten und auch in Hochschulgremien mitarbeiten. Für eigene Forschung bleibt den HU-Kandidaten nur rund ein Viertel ihrer Zeit - zu wenig, wie viele meinen. 87 Prozent gaben aber auch an, sich in Forschung und Lehre inhaltlich völlig frei zu fühlen. Um die auf drei Jahre befristete Anstellung zu verlängern, müssen nach zweieinhalb Jahren Forschungsergebnisse vorgelegt werden. Diese Frist sehen manche Juniorprofessoren - und auch ihre Interessenvertretung, der «Förderverein Juniorprofessur» - als zu kurz an. Auch ist die finanzielle Grundausstattung nicht an allen Hochschulen gleich gut.

Dennoch überwiegen bei der HU-Befragung für die meisten die Vorzüge: Die Karrierechancen für eine Professur auf Lebenszeit stehen gut - nicht zuletzt, weil die jungen Wissenschaftler auch in Lehre und Management bereits Erfahrung sammeln konnten. Die Hälfte aller Befragten ist sich zudem sicher, auch ohne Habilitation Karriere zu machen. Auch Kemfert ist davon überzeugt: «Dieses Buch kostet einen Jahre und in internationalen Kreisen liest es - gerade wenn es auf Deutsch ist - niemand.» Ohne Habil-Schrift sei es einfacher, sich früher auf das weltweite Wissenschaftler-Parkett zu begeben, zu publizieren, Vorträge zu halten.

Und auch einem anderen Aspekt kann der Verzicht auf eine Habilitation zu Gute kommen: Der Familienplanung. Immerhin 40 Prozent der Juniorprofessorinnen an der HU haben Kinder. Auch die Frauenquote überhaupt liegt mit rund 30 Prozent deutlich über dem bundesweiten Anteil ordentlicher Professorinnen: Dort dümpelt er trotz langsamen Anstiegs Ende 2003 immer noch bei knapp 13 Prozent.

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