Juristische Möglichkeiten werden geprüft
Wackelkandidaten wollen am Neuen Markt bleiben

Die Absicht der Deutschen Börse, Aktien mit niedrigem Kurswert und Marktkapitalisierung aus dem Neuen Markt zu werfen, wollen viele Firmen nicht einfach hinnehmen.

dpa BERLIN. Dies ergab eine dpa-Umfrage. "Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, um am Neuen Markt zu bleiben", sagt etwa Finanzchef Gerhard Inninger von der NSE Software AG aus München (0,64 ?). Fast alle Unternehmen halten die angekündigte Regelung für zu pauschal, die Grenzwerte für willkürlich.

Nach heftiger Kritik der Anleger hatte die Deutsche Börse im Juli angekündigt, Billig-Aktien und von der Pleite bedrohte Unternehmen ab Oktober von der Börse verbannen zu wollen. Betroffen sind alle Unternehmen, deren Aktienkurs an 30 aufeinander folgenden Börsentagen 1 ? unterschreitet und deren Marktkapitalisierung (Aktienkurs mal Zahl der Aktien) zugleich unter 20 Mill. ? sinkt. Für den Ausschluss müssen sie zudem in den darauf folgenden 90 Handelstagen wiederum an mindestens 15 aufeinander folgenden Tagen unter den Grenzwerten liegen.

Juristische Möglichkeiten werden geprüft

Die meisten Wackelkandidaten wollen ihre Kursentwicklung erst einmal abwarten. "Wir sondieren aber bereits juristisch, was es für Möglichkeiten gibt", sagt der Sprecher des Berliner Call-Center-Betreiber Infogenie Europe (1,05 ?). Auch das Stuttgarter Softwareunternehmen Heiler (1,18 ?) prüft seine Chancen.

Den Optimismus der Firmen hat dabei das Urteil des Landgerichts Frankfurts gestärkt, die Ausschlussregeln im Fall des Berliner Prozessfinanzierers Foris (1,93 ?) erst ein halbes Jahr nach der geplanten Einführung zum 1. Oktober anzuwenden. "Das Urteil von Foris hat anderen Unternehmen Tür und Tor geöffnet", meint der Infogenie-Sprecher. "Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sich an dieser Regelung noch etwas tut."

Klagen vor Gericht seien teuer, argumentiert aber nicht nur der Sprecher des angeschlagenen Berliner Software-Anbieters Lipro (0,36 ?). Auch die Hamburger D+S Online AG (1,43 ?), ein Anbieter von internetbasierten Marketingleistungen, will die Entwicklung erst einmal abwarten. Der Internet-Buchhändler Mediantis (1,00 ?) und der Online-Vermarkter Ad Pepper (1,45 ?) sehen derzeit keinen Handlungsbedarf.

Zweite Denkrunde gefordert

Die Hoffnung einiger Rausschmiss-Kandidaten liegt in der beabsichtigten Gründung einer Interessensinitiative der Neuen-Markt- Unternehmen. Diese könnte dann einheitlich gegen die Regelung vorgehen. Der Initiator Jürgen Wege, Vorstandschef des Karlsruher Software-Anbieter Group Technologies (2,75 ?), will die Erwartungen jedoch nicht zu hoch schrauben. "Es steht noch nicht fest, ob wir eine Sammelklage oder Ähnliches einreichen werden." Der Verein habe voraussichtlich erst Ende September seine konstituierende Sitzung. Auch er fordert von der Börse aber eine "zweite Denkrunde".

Die meisten Unternehmen kritisieren die Kriterien und Grenzwerte der Börse. Es gebe wichtigere Dinge als den Aktienkurs, argumentiert die Nürnberger Computec Media (3,10 ?). Die Marke von einem Euro sei beliebig, kritisiert die Berliner Beta Systems Software AG (2,70 ?). Einige verweisen darauf, dass bei der Regelung völlig unberücksichtigt bleibe, ob ein Unternehmen beispielsweise seinen Geschäftsbericht pünktlich und korrekt abgibt oder ob es schon einmal ungenehmigte Aktienrückkäufe gegeben hat. "Die die rausgeschmissen gehören, die sind dann nicht draußen", sagte Wege von Group Technologies.

Der Vorstandschef des Filmhändlers Advanced Medien , Otto Dauer, vermutet, dass die Regeln weitere Regulierungen erfordern würden. Es bestehe sonst die Gefahr von Kursmanipulationen, um immer wieder über das vorgeschriebene Niveau zu kommen.

"Solche Sachen regelt der Markt"

Grundsätzlich halten Unternehmen wie WWL Internet aus Nürnberg (1,53 ?), der Stuttgarter Schulungsanbieter GFN (0,87 ?) und das Saarbrücker Softwarehaus Orbis (3,18 ?) den Rausschmiss der Pennystocks aber für gut, um das Vertrauen der Anleger wieder zu stärken. Lipro oder Fortunecity können dagegen den Vorteil für den Anleger nicht erkennen. "Solche Sachen regelt der Markt. Die Unternehmen, die auf Dauer nicht wirtschaftlich sind, verschwinden auch so", sagte ein Lipro-Sprecher.

Ebenso wie Beta Systems verweist Lipro darauf, dass die Börse einen Vertrag mit den Unternehmen abgeschlossen habe. "Ein Vertrag zwischen zwei Parteien kann nicht von einer Seite einfach geändert werden." Arne Basler aus der Investor-Relations-Abteilung von Beta Systems sagt: "Die Börse sollte unser Partner sein. Man wendet viel Geld auf, um börsennotiert zu sein und dann ist man auf einmal weg." Das US-Unternehmen FortuneCity (0,27 ?) etwa ließ sich 1999 auf Werbung der Deutschen Börse am Neuen Markt statt an der Nasdaq notieren.

Sollte es zu einem Rausschmiss kommen hofft, Fortunecity wie das Privatklinikum Euromed (2,95 ?) auf eine Notierung im Geregelten Markt. Der Chef der Augsburger Softwareschmiede CPU Softwarehouse AG (1,03 ?), Manfred Köhler, steht einem Ausschluss angesichts des "desolaten Images" des Neuen Marktes nicht negativ gegenüber. Dennoch behalte sich auch CPU rechtliche Schritte vor.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%