Justiz: Arena des Geldadels

Justiz
Arena des Geldadels

Die Kölnarena ist eine Kampfstätte der besonderen Art. Das Hallenstadion verursacht einen Gerichtsstreit ums Geld in allerfeinsten Kreisen. Es geht um 160 Millionen Euro und um die Frage, ob der Fondsgeschäftsführer Esch seine prominenten Gesellschafter übers Ohr gehauen hat.

Sie sollte neben dem Dom das zweite Wahrzeichen der aufstrebenden Medienstadt Köln und Ausdruck neuen rheinischen Selbstbewusstseins werden: die Kölnarena. Als Mitte der 90er-Jahre Matthias Graf von Krockow, persönlich haftender Gesellschafter bei Kölns feinster Privatbank Sal. Oppenheim, in einem Brief höchstpersönlich um prominente Investoren für das 895 Millionen Mark teure Projekt warb, da klang alles rosarot: Mit den privaten Geldern werde die "modernste Veranstaltungshalle Europas" errichtet, mit Platz für 18 000 Zuschauer. Madonna und Pavarotti, Eishockey- und Basketballspiele auf Spitzenniveau würden für eine ordentliche Auslastung der Halle sorgen. Und das alles unter einem 76 Meter hohen Stahlbogen, einem architektonischen Glanzlicht, das in der Region seinesgleichen sucht.

Mehr als 70 wohlhabende Adlige, Unternehmer und Funktionäre ließen sich nicht lange bitten. Sie investierten im Schnitt je zwölf Millionen Mark in den geschlossenen "Immobilienfonds Köln-Deutz Arena und Mantelbebauung GbR". Unter denen, die zeichneten und deren Namen in Köln noch immer wie ein Staatsgeheimnis gehütet werden, ist fast der gesamte rheinische Geldadel: die von Oppenheims, die von Krockows, die von Ullmanns, Verleger Alfred Neven DuMont, die Neusser Unternehmerdynastie Werhahn, Ex-Bundesbanker Karl-Otto Pöhl, der frühere CDU-Schatzmeister Walther Leisler-Kiep, Karstadt-Chef Wolfgang Urban, und auch der ehemalige Axa-Colonia-Vorstand Klaus-Dieter Läßker gehört dazu. Der erinnert sich: "Ich habe das damals als eine Art Bonbon für gute Kunden betrachtet."

Was sollte für die künftigen Arena-Eigentümer auch schief gehen? Die Stadt Köln garantierte für den neben der Arena gelegenen, ebenfalls neu zu errichtenden Bürokomplex durch den Einzug des technischen Rathauses stetige Mieteinnahmen. Und der nach Großaufträgen lechzende Baukonzern Holzmann versprach, das gewaltige Projekt besonders preisgünstig zu bauen und sogar samt üppiger Mietzahlungen an den Fonds selbst zu betreiben - kurzum: ein Renommierprojekt der Extraklasse mit schönen Renditen und fast ohne Risiken.

Eine Fehleinschätzung, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Holzmann ist längst pleite, die Miete für die 1998 eröffnete Halle fließt viel spärlicher als erwartet, und jetzt streitet sich die betuchte Prominenz vor Gericht auch noch ums Geld. Klaus Droste, Top-Investmentbanker bei der Deutschen Bank und selbst Gesellschafter des Fonds, hat Fondsgeschäftsführer Josef Esch verklagt. Der Vorwurf: Pflichtverletzung zu Lasten des Fonds. Morgen beginnt um 10.45 Uhr im Raum S1.16 des Bonner Landgerichts die mündliche Verhandlung; Aktenzeichen 12 O 197/02.

Deutsch-Banker Droste, der in der Branche schon mal ehrenvoll als "kleiner Einstein" bezeichnet wird, weil er das fast weiße Haar gerne etwas länger trägt und dazu auch den Bart üppig wuchern lässt, arbeitete bis 1999 als Direktor bei McKinsey. Dann wechselte er als Managing Director für ein Millionensalär zur Deutschen Bank. Der Fusionsspezialist, der das Image des Querdenkers pflegt, wirft Esch vor, "sich selbst, Partner des Bankhauses Sal. Oppenheim und deren Umfeld" begünstigt zu haben, wie es in der Klageschrift sinngemäß heißt. Es geht um einen Streitwert von mehr als 160 Millionen Euro. Sollte Droste gewinnen, würden alle Gesellschafter profitieren.

Zu jenen, die einen Schuldspruch fürchten müssen, zählt neben Esch insbesondere das Bankhaus Sal. Oppenheim, langjähriger enger Geschäftspartner des Immobilienkönigs aus der Provinz. Bei Oppenheim heißt es zu diesem Thema: "Kein Kommentar." Würde Esch verurteilt, wäre dies ein enormer Vertrauensverlust der so auf Seriosität bedachten Edelbanker, was die Aussage eines Fondszeichners unterstreicht: "Ich habe den Namen Oppenheim gelesen und gleich gedacht: Da kann nichts schief laufen."

Gut zehn Prozent Rendite waren versprochen, fünf Prozent sind es stattdessen geworden. Droste, der sich vor Prozessbeginn nicht öffentlich äußern will, vertritt die Auffassung, dass es einiges mehr sein könnte, wenn Esch für den Fonds besser verhandelt und weniger seine eigenen Interessen und die der Oppenheims verfolgt hätte. So beschäftigt der Zoff ums Geld in den allerfeinsten Kreisen nun eben die Justiz.

Wie immer der Prozess auch ausgeht - zu den Verlierern des gesamten Deals gehört schon jetzt die Stadt Köln. Die Grünen haben den Pachtvertrag zwischen Stadt und Fonds für das technische Rathaus als "schlechtesten Mietvertrag" eingestuft, den die Kommune je abgeschlossen hat.

Genau diese Verträge hat damals ein gewisser Lothar Ruschmeier für die Stadt mitverhandelt. Der war Oberstadtdirektor und hat den Bau der Kölnarena einmal als "das wichtigste Bauvorhaben meiner Amtszeit" beschrieben. Nach Ende seiner Polit-Karriere wechselte Ruschmeier in die freie Wirtschaft. Wohin? Genau. In die Geschäftsführung mehrerer Firmen des Josef Esch, seinem Gegenüber bei den Verhandlungen zur Finanzierung der Arena, mit der sich nun in der Klagesache Droste die Justiz befasst.

Großfinanzier Esch hat inzwischen über seinen Bonner Anwalt Felix Busse ausrichten lassen, "alle Vorwürfe Drostes liegen völlig neben der Sache". Herr Esch habe "durch seine Verhaltensweise die Voraussetzungen dafür geschaffen", (. . .) dass dem "Immobilenfonds der Verlust weiterer Vermögenswerte" erspart blieb.

Tatsächlich spielt Esch in dem Millionenpoker um die Kölnarena gleich mehrere Schlüsselrollen. Groß geworden ist der gelernte Maurer Esch aus Troisdorf, weil es ihm gelungen ist, aus dem Handwerksbetrieb seines Vaters einen landesweit agierenden Baukonzern zu formen. Die Geschäfte gehen so gut, dass sich der fast kahlköpfige Schnauzbartträger sogar eine Fluggesellschaft leistet, die Challenge-Air Luftverkehrs-GmbH, an der im Übrigen auch Oppenheim-Banker von Krockow beteiligt ist.

Seine neue Firmenzentrale hat Esch vor einigen Jahren just auf dem Gelände errichten lassen, wo bis dahin das Troisdorfer Rathaus stand. Als Esch nach dem Abriss genau dort seine Zentrale und dazu ein ganzes Wohnviertel bauen lassen wollte, regte sich unter den Anwohnern Widerstand. Doch Esch setzte sich durch. Auch eine Panne beim Bau konnte ihn nicht stoppen: Ein Kran war zufällig genau in jenes Haus gestürzt, in dem einer der Initiatoren des Bürgerbegehrens gegen die Neubauten wohnte. Das Gebäude des Bestattungsunternehmers Krechel wurde erheblich beschädigt - aber das ist eine andere Geschichte.

Die, die für den Bau der Kölnarena von Bedeutung ist, hat damit zu tun, dass Esch und seine Frau Irma bei der Kölnarena viele Funktionen haben: Eigentümer, Finanzier, Mieter und Betreiber. Oder anders ausgedrückt: Esch hält nicht nur zusammen mit seiner Frau Anteile an der Halle und ist Geschäftsführer des Fonds, angeblich für ein Gehalt von einer Million Euro pro Jahr, er selbst spricht von "weniger als der Hälfte". Gleichzeitig ist Esch auch über seine Frau an der Kölnarena Beteiligungsgesellschaft mbH beteiligt, die die Halle beim Fonds gemietet hat. Und diese Gesellschaft kontrolliert wiederum die, das Hallenstadion betreibende Kölnarena Management GmbH. Kurz gesagt: Esch hat wichtige Verträge mehr oder weniger mit sich selbst geschlossen.

Das alles war so bei Baubeginn der Halle nicht vorgesehen. Doch dann ging es dem Generalunternehmer Holzmann immer schlechter. Als sich Bundeskanzler Gerhard Schröder im Herbst 1999 als Retter des hoch verschuldeten Baukonzerns vor den jubelnden Beschäftigten aufblies, da hatte Fonds-Geschäftsführer Esch bereits kurz zuvor die Eigentümer in einem Brief um eine Unterschrift gebeten. Sie sollten ihn wegen der unsicheren Zukunftsaussichten des Bauriesen ermächtigen, mit Arenamieter Holzmann zu verhandeln, gegebenenfalls einen neuen Mietvertrag mit Dritten zu schließen und dabei gegebenenfalls eine ermäßigte Pacht zu vereinbaren.

Wenige Tage später präsentierte Esch die Lösung: Der Baukonzern werde gegen eine Abfindungszahlung von "gut 166 Millionen Mark" aus dem Betrieb der Arena entlassen. Dafür würden 15 Gesellschafter, darunter vor allem Geschäftspartner der Oppenheims, die neue Kölnarena Beteiligungsgesellschaft gründen.

Schließlich mietet der erlesene 15er-Kreis, zu dem auch Irma Esch wieder als Gesellschafterin mit 6,4 Prozent der Anteile gehört, die Arena zu deutlich günstigeren Bedingungen als zuvor Holzmann: zwölf Millionen Mark pro Jahr, festgeschrieben für die Restlaufzeit des Fonds über 19 Jahre. Mit dem Baukonzern war dagegen eine Staffelmiete vereinbart, die von anfangs 24 Millionen Mark auf später 36 Millionen Mark ansteigen sollte.

Esch erklärt die stark gekürzte Miete so: "Die Geschäftsleitung der Kölnarena Management GmbH hat keinen höheren Pachtzins akzeptiert, weil sie (. . .) glaubhaft darlegte, dass sich im Objekt damals und auch in den Jahren danach ein höherer Pachtzins nicht erwirtschaften lasse". Was Esch nicht sagt: Die Management GmbH wird von Geschäftsführer Ralf-Bernd Assenmacher geleitet. Der gehört aber auch zu den 15 Gesellschaftern, die eben diesen stark reduzierten Mietvertrag abgeschlossen haben, der also auch eigene Interessen verfolgt haben könnte.

Ein Fondszeichner, der sich nur unter der Garantie, dass sein Name nicht in der Zeitung erscheint und unter dem Hinweis "Money doesn?t talk" äußern will, sagt: "Eine faire Vorgehensweise wäre es gewesen, allen Fonds-Gesellschaftern eine Beteiligung an der neuen Gesellschaft anzubieten. Aber dann wurden nur Partner von Oppenheim, Freunde der Familie und Frau Esch aufgenommen - da besteht ein ganz klarer Interessenkonflikt."

Esch weist die Vorwürfe zurück: Wir mussten Geldgeber finden, "die bei Eingehen des Engagements nicht im Geringsten einschätzen konnten, ob sie für das von ihnen einzusetzende Kapital eine Rendite erwarten konnten oder eher einen Verlust ihres Kapitaleinsatzes befürchten mussten." Und weiter: So konnten - "noch dazu unter dem Zeitdruck, unter dem die Entscheidung damals getroffen werden musste" - nur Persönlichkeiten gefunden werden, "denen das Wohlergehen des Immobilienfonds wichtig war."

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%