Justiz
Nachteil Becker

Blass wie selten erlebte die Öffentlichkeit gestern den einstigen Tennishelden Boris Becker. Der Steuerprozess gegen ihn verlief ganz anders als gedacht. Schon heute wird das Urteil verkündet. Es droht eine Gefängnisstrafe. Auch, weil sein Geständnis nur bedingt einsichtig klang.

Boris erzählt aus seinem Leben. Und er ist irgendwie ein guter Erzähler. Ein unterhaltsamer. Bisweilen unfreiwillig, aber egal. "Ich hatte damals nur Tennis im Kopf - und ab und zu Mädchen", sagt er. Oder: "Wissen Sie, ich habe meiner Schwester nicht immer erzählt, mit wem ich gerade ins Bett gegangen bin." Auch wenn es so klingen mag: Boris, Nachname Becker, führte gestern kein locker-flockiges Interview mit "Bunte" oder "Gala". Er war vielmehr einer Einladung des Landgerichts München I gefolgt und versuchte, aus einer unschönen Geschichte einigermaßen ungeschoren herauszukommen.

Und die könnte einen ungeahnten Lauf nehmen. Drei Jahre und sechs Monate forderte Staatsanwalt Matthias Musiol gestern, nachdem er auf Steuerhinterziehung in vier vollendeten und zwei versuchten Fällen plädiert hatte. Damit hatte Becker nicht gerechnet. Nach Sitzungsende ließ er - ziemlich blass - den Kopf kreisen. Ganz so, wie er es früher schon mal zwischen den Ballwechseln tat. Doch diesmal, das weiß er seit gestern, hat er einen Matchball gegen sich, der über sein künftiges Leben entscheiden wird. Dieser Ballwechsel findet heute statt, wenn am Vormittag das Urteil verkündet wird.

Im Vorfeld des Prozesses schien es noch so, als hätten seine Berater und sonstigen Gehilfen ganze Arbeit geleistet. Glimpflich würde er davonkommen, weil honorige Herrschaften wie Hans-Dieter Cleven (Beckers Geschäftspartner), Otto Beisheim (Beckers Golfpartner) oder sogar Edmund Stoiber (Beckers Aufsichtsratskollege bei Bayern München) ihren Einfluss im Freistaat geltend gemacht hätten. Doch es kam anders, ganz anders.

Dass der Promi vor Gericht weniger heldenhaft wie einst auf den Centre Courts dieser Welt daherkommen würde, war keine Überraschung. Dass er allerdings auch taktisch bei weitem nicht so glanzvoll auftrat wie während seiner glorreichen Karriere, verwunderte dann doch. Der 34-Jährige tat sich sicher keinen Gefallen damit, als er sein Laufbahnende mit dem Steuerverfahren gegen ihn in Zusammenhang brachte. Ganz ehrlich, so Becker treuherzig, alles sei ausgesprochen belastend gewesen: "So konnte ich nicht mehr leben, geschweige denn Tennis spielen." Die Journalisten und vor allem der Staatsanwalt wunderten sich sehr, diese Erklärung für den Abschied hatten sie noch nicht gehört.

Und so lief gestern einiges verquer. Zwar verlas Boris Becker wie angekündigt eine Erklärung, die mit den Worten endete: "Ich weiß, dass ich für diesen Fehler büßen muss." Was einen der Zuschauer gar zu Applaus veranlasste. Aber das genügte nicht. Staatsanwalt Musiol nannte den Wortbeitrag schlicht "Zweckgeständnis". Denn in den weiteren Vernehmungen klang Becker weniger einsichtig, seine beiden Anwälte kamen mehrfach erklärend zur Hilfe. Sie plädierten schließlich auf eine bewährungsfähige Strafe, also eine von maximal zwei Jahren.

So endete der Tag vor Gericht, an dessen Anfang der Angeklagte noch den Lockeren gegeben hatte. 30 Fotografen belagerten ihn bei der Ankunft im bunkerähnlichen Saal, und während des Blitzlichtgewitters wandte er sich an die schreibende Zunft in seinem Rücken und grinste mindestens so verschmitzt wie siegesgewiss. Sein ehemals rotes Haar blondiert, die Strähnen standen wie eine Eins. "Sieht heute ja aus wie einer von den Toten Hosen", meinte einer. Die öffentliche Aufmerksamkeit war nach Beckers Geschmack, und genüsslich verfolgte er, wie zwei Beamte die hartnäckige Fotografenschar aus dem Saal entfernten: "Raus jetzt."

Der Star kam ohne Bodyguards. Die haben ihn früher rund eine Million Mark jährlich gekostet, inzwischen verzichtet er auf Personenschutz. In Beckers Schlepptau dagegen befand sich wie üblich sein Medienberater Robert Lübenoff, der zuvor versucht hatte, höchstpersönlich die Medienakkreditierungen für den Prozess zu übernehmen. Die Justizpressestelle lehnte das Angebot dankend ab.

Alle 98 Presse- und 68 Zuschauerplätze waren letztlich besetzt. Das angekündigte japanische Kamerateam aber wurde in dem fensterlosen Saal, Baujahr 1973, mit wunderlich blass-grüner Decke nicht gesichtet, als es zur Sache ging. 3,3 Millionen Euro soll Becker zwischen 1991 und 1993 dem Fiskus vorenthalten haben, weil der damalige Wohnsitz in Monte Carlo offenbar weniger genutzt wurde als ein "Dachraum" in München. Das macht eine Steuerschuld von 1,7 Millionen Euro.

Ja, der einst auf mindestens 200 Millionen Mark geschätzte Tennismillionär soll in einem nach eigener Aussage "notdürftig eingerichteten Zimmer, mit Bett und Sitzbank, aber ohne Schrank und Küchenzeile", des öfteren in der bayerischen Landeshauptstadt genächtigt haben. Dadurch sei er in Deutschland steuerpflichtig. Daran änderte offenbar auch die Aussage nichts, dass "selbst die spartanischen Unterkünfte bei Olympischen Spielen weniger luxuriös sind als dieser Raum".

Dass Beckers Mutter Elvira seinerzeit Buch führte über die Aufenthaltsorte ihres Sohnes, kam den Fahndern zupass. Beckers Versuch, den Wahrheitsgehalt der Listen zu relativieren, wirkte kaum: "Eine Mama weiß viel, aber nicht alles. Auch nicht, wann und wie oft ich ausgebüchst bin." Nicht nur die resolute Richterin Huberta Knöringer, die demnächst auch über die EM.TV-Machenschaften der Haffa-Brüder juristisch befindet, lächelte amüsiert. Schon zuvor hatte sich die Bayerin von Becker genüsslich aus dessen Kindheit erzählen lassen ("Wie man dann gesehen hat, war ich im Tennis und auch im Fußball sehr gut") und löcherte ihn wegen seiner finanziellen Verhältnisse ("Auf Grund meiner Werbeverträge kann ich das Hotel selbst bezahlen"). Vor allem die Tatsache, dass der Ex-Champion seit geraumer Zeit im Münchener Hotel Palace, Nähe Käfer, wohnt, interessierte Richterin und Staatsanwalt. Wie oft ist er dort? Wie teuer ist die Suite Bel Air? Wie ist das mit der Bezahlung geregelt? Bum-Bum kamen die Fragen, und irgendwann platzte Becker der Kragen. "Dass ich dort wohne, ist eine Riesenwerbung für das Hotel. Eigentlich müsste es mir Geld dafür zahlen."

Konkrete Antworten gab es nicht, auch nicht zu den Einkünften aus den Werbeverträgen mit AOL und Daimler-Chrysler. Die Anwälte verwiesen auf die vertraglich vereinbarte Verschwiegenheitspflicht. Ob der Ausgang des jetzigen Verfahrens Auswirkungen auf diese oder künftige Kontrakte haben wird, ist nicht absehbar. Aber hinter Gittern ist Boris sicher kein idealer Werbepartner.

So wohl sich der Weltstar auf der AOL-Werbebühne ("Ich bin drin") fühlen mag, so wenig behagte ihm, je weiter die Verhandlung voranschritt, der Angeklagtenstuhl. Immer öfter faltete er die Hände, legte dann die Zeigefinger auf die Lippen und schaute mit leerem Blick ins unangenehme Licht der Neonröhren. Er muss fürchten, dass die Fotomontage einer Münchener Tageszeitung - Boris hinter schwedischen Gardinen - nicht gar so abwegig ist. Sein Anwalt glaubt nicht daran. Schließlich, so Klaus Volk, müsse man Becker "nicht resozialisieren, oder die Gesellschaft vor ihm schützen".

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