Kabelnetzbetreiber bringen Branche an den Rand des Ruins
Die größten Kapitalvernichter der Welt

Niemand hat je so viel Geld von Aktionären verbrannt und zusätzlich so hohe Schuldengebirge aufgetürmt wie die Branche der Kabelnetzbetreiber.

DÜSSELDORF. Frustrierte Aktionäre von Telekomunternehmen mögen sich trösten: Hätten sie ins Kabelfernsehen investiert, wären ihre Verluste weitaus höher ausgefallen. Bereits vor der zu erwartenden Megapleite der britischen NTL ist der Branche der Kabelnetzbetreiber ihr Platz im Guinness-Buch der Rekorde sicher: als größter Kapitalvernichter der Welt.

NTLs Schulden von 17 Milliarden Euro betragen das 435-fache des Börsenwerts. An eine erfolgreiche Umschuldung glauben auch die Kreditwürdigkeitsexperten von Standard & Poor?s nicht mehr. Der US-niederländische Kabelnetzbetreiber UPC hat zehn Milliarden Euro Schulden, sein Börsenwert sank von 32 Milliarden Euro auf unter 100 Millionen Euro. Callahans nordrhein-westfälische Ex-Telekom-Kabelfirma Ish entlässt ein Viertel der Belegschaft. Selbst der US-Kabelkönig John Malone muss vier Milliarden Dollar in seiner Bilanz 2001 wertberichtigen.

Wie bei Internet- und Telekomunternehmen liegt die Ursache des Desasters in zu hohen Erwartungen in neue Technologien und die globale Expansion. Im Kabelfernsehen war es die Hoffnung auf die Digitalisierung und den Erfolg von Pay-TV, Internet und neuen Telefonangeboten, die sich nicht so schnell wie erwartet in Umsätze, geschweige denn in Gewinne umsetzen ließ. So trieb der High-Tech-Boom bis zum Crash die Kabelaktien in Schwindel erregende Höhen.

Im Rückblick ist die Abfolge von Euphorie und Depression im Kursverlauf genau das, was mit High-Tech-Werten seit 1999 nun einmal passiert ist. Was aber erstaunt, ist die Höhe der Kredite und Anleihen, die Kabelnetzbetreiber völlig problemlos von Bankern und anderen professionellen Investoren bekommen haben. Wieso beschäftigen sich die Gläubiger und die Kabelmanager erst jetzt, zwei Jahre nach dem Ende des High-Tech-Booms, mit dem, was Kabelherren wie UPC-Chef John Riordan noch immer verharmlosend "Bilanzbereinigung" nennen? Warum hat keiner der Experten aus dem Fall AT&T gelernt?

Denn Aufstieg und Fall des AT&T - Chefs Michael Armstrong haben das Kabeldesaster mit anderthalb Jahren Vorlauf vorweggenommen: 100 Milliarden Dollar kostete ihn seine Kabel-Einkaufstour. Bei der Aufrüstung der Netze stellte sich dann heraus, dass es sehr teuer wird, auch die letzte Meile zu digitalisieren. Nach dem Ausbau blieben zunächst die Kunden weg. Zwei Jahre hielt Armstrong durch, dann wurde AT&T zerschlagen.

Die bevorstehenden europäischen Kabelbankrotte werden Auswirkungen auch auf die Deutsche Telekom haben. Sie dürfte kaum noch einen Investor finden, der die geforderten 5,5 Mrd. Euro für ihre Kabelnetze zahlen wird. Vor dem Hintergrund der Liberty-Bilanz erscheint heute die kompromisslose Haltung Malones gegenüber dem Kartellamt in einem anderen Licht: Das Übernahmeverbot war wohl der billigste Weg, den Deal mit der Telekom platzen zu lassen.

Trotz der Wertverluste auch seiner Kabelbeteiligungen könnte John Malone mit seinen finanziellen Reserven in zwei Jahren als Sieger dastehen. Aus den Konkursmassen werden sich weltweit Kabelnetze so billig wie nie kaufen lassen. Billiger jedenfalls, als ihr Aufbau einst war.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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