Kabelnetze: Ish kann nicht mehr
Deutsche Telekom bietet DSL per Satellitentechnik

Für Telekom-Chef Ron Sommer wird das Kabelnetz zum toten Kapital.
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DÜSSELDORF.So turbulent hatte sich David Colley, Chef des europäischen Kabelgeschäfts der Callahan-Gruppe, seinen neuen Job an der Spitze des Kabelnetzbetreibers Ish in Köln nicht vorgestellt. Erst vor einem halben Jahr ging der der amerikanische Investor Callahan, der von der Deutschen Telekom für 2,8 Milliarden Euro die Mehrheit an den Kabelnetzen in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg übernommen hatte, mit Ish an den Start. Jetzt zwingt die angespannte Finanzlage Colley bereits zu drastischen Sparmaßnahmen. 570 der insgesamt 2400 Mitarbeiter bekommen die Papiere. Gleichzeitig drosselt der Ish-Chef den Ausbau des maroden Kabelnetzes zur breiten Datenauto-bahn. Sein Hauptproblem:Die Kunden verschmähen das Angebot des neuen Kabelnetzbetreibers, TV, Internet und Telefon einfach und schnell aus der Fernsehbuchse ins Haus zu holen.

Die Krise bei Ish hat unmittelbare Folgen für die Deutsche Telekom. Der Exmonopolist musste schon im vergangenen Geschäftsjahr 400 Millionen Euro auf die Kabelnetze abschreiben. Doch die schlechte Lage bei Ish nötigt Telekom-Chef Ron Sommer, den Bilanzwert für die Netze weiter zu korrigieren. Die Telekom ist zu 45 Prozent an Ish beteiligt. Schlimmer noch: Ein Verkauf des sich noch im Besitz der Telekom befindlichen Kabelnetzes wird durch die Krise bei Ish immer unwahrscheinlicher. Das sabotiert aber den geplanten Schuldenabbau, den Sommer immer schwerer erfüllen kann. "In näherer Zukunft sind 5,5 Milliarden Euro nicht zu erzielen", sagt Frank Wellendorf, Analyst der WestLB. So viel hatte bis zum Veto des Bundeskartellamts Liberty Media der Telekom geboten. Für Ralf Hallmann, Analyst bei der Bankgesellschaft Berlin, folgt daraus: "Das Kabelnetz ist für die Deutsche Telekom nur noch totes Kapital."

Callahans ursprünglicher Plan, bis Ende 2004 allein in Nordrhein-Westfalen die Fernsehkabel von fünf Millionen Haushalten zu digitalisieren und fürs Surfen und Telefonieren tauglich zu machen, ist längst Makulatur. Bis Ende 2001 waren gerade mal eine Million Haushalte technisch angeschlossen. Wie viele ihn nutzen, das verheimlicht Colley. Er wird wissen, warum.

Als unterschätzte Schwierigkeit hat sich erwiesen, dass die so genannte letzte Meile sich überwiegend in der Hand von Wohnungsbaugesellschaften und kleineren Kabelbetreibern befindet. Das führte dazu, dass Ish nur bei einem Drittel der Haushalte den benötigten Direktanschluss hat.

Weil die Erträge nicht so sprudelten wie erhofft, kündigte Ish eine Preiserhöhung von acht Prozent für die Durchleitung der TV-Signale an und vergrätzte viele Kunden. Trotz millionenschwerer Marketingkampagne läuft auch das Neukundengeschäft schlecht. Gerade mal 200 neue Verträge schloss Ish bislang ab. In Baden-Württemberg sieht die Lage nicht besser aus.

Der Druck auf Callahan wächst. An die Telekom müssen die Amerikaner noch eine Rate von 294 Millionen Euro bezahlen. Der Schuldenberg beträgt mittlerweile drei Milliarden Euro. Callahan droht das gleiche Schicksal wie dem US-Kabelnetzbetreiber NTL. Der zahlt die Zinsen für Anleihen und Bankkredite schon heute nicht mehr. Eine Umschuldung und eine Kapitalspritze soll die Zwangsliquidation von NTL abwenden. Auch die Krise der Amerikaner trifft deutsche Betreiber: NTL ist mit 65 Prozent an der hessischen Kabelfimra Iesy beteiligt.

Viel Zeit haben die Kabelfirmen ohnehin nicht mehr. Neue Technologien drängen auf den Markt und machen für den Rest der Republik die multimediale Welt per Fernsehkabel immer unattraktiver. Von insgesamt 34 Millionen Fernsehhaushalten in Deutschland empfangen schon elf Millionen ihre Fernsehprogramme über Satellit.

Auf die Satellitentechnik setzt in Zukunft auch die Deutsche Telekom. Am 1. Mai starten die Bonner ein neues Internet-angebot per Satellit. Das ermöglicht auch für all jene Kunden einen schnellen Webanschluss, die bisher aus technischen Gründen nicht per DSL, also per aufgepeppter Kupferleitung, im Netz surfen konnten. Der Sky-DSL-Zugang erfolgt auf 19,2 Grad Ost über die Satelliten des Unternehmens Astra. Deren Kunden benötigen nicht mal eine neue Antenne für den DSL-Zugang.

Wer braucht da noch Kabelnetze? "Den Breitbandkabelnetzen fehlt eine langfristige Perspektive", sagt Analyst Hallmann.

Auf lange Sicht, wenn sich der Empfang von TV und Internet per Satellit und DSL zunehmend durchsetzt, könnte es für die Telekom nur noch eine Lösung geben: die Abschaltung der TV-Netze. So wird sich Telekom-Chef Sommer die Trennung vom Kabel aber nicht vorgestellt haben, so ganz ohne Milliarden in der Kasse. Ein Vorbild für einen derartigen Ausstieg gibt es bereits: Dem C-Netz, dem analogen Autotelefonnetz, drehte die Telekom den Saft ab, als die meisten Kunden zum neuen digitalen GSM-Mobilfunknetz gewechselt hatten.

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