Kabul - das Chamäleon
Wirtschaftswunder auf Abruf

Die internationale Hilfe bringt in Kabul die Wirtschaft auf Trab - doch nicht nur die geschäftstüchtigen Afghanen profitieren davon.

KABUL. Manchmal, wenn die amerikanischen Soldaten Lust auf einen Einkaufsbummel haben, dann lassen sie einfach die Flower-Street sperren. An Anfang und Ende werden bewaffnete Posten gestellt, so kann der Rest der Truppe ungestört in den Läden stöbern. Dort gab es schon immer Teppiche, Silberschmuck und Lapislazuli. Aber heute gibt es auch Coke, Cornflakes, Erdnussbutter. Das ist neu in Kabul im Jahre zwei nach dem Sturz der Taliban. Auch wenn es so aussieht, als sei dies schon immer so gewesen. Denn die Kabulis haben ein Talent entwickelt, sich den gerade herrschenden Verhältnissen anzupassen. Kabul, das Chamäleon.

Kabul ist anstrengend geworden, fast über Nacht. Die "Uno-Ökonomie", die von den internationalen Hilfsgeldern entfachte Sonderkonjunktur, ist in vollem Gang. Nach vorne, nur nicht mehr zurück, schreit es von jeder Straßenecke in der traumatisierten Stadt. Nachholen, Aufholen, Überholen, rufen die jungen Geschäftigen mit ihren Handys, die sich in dem dichten Sommersmog tummeln. Auf 20 000 Abonnenten pro Jahr hatte die teilstaatliche Mobilfunkgesellschaft AWCC den jährlichen Handy-Bedarf für Kabul berechnet - und sich dabei grandios verschätzt. Denn nicht nur Ausländer, auch Zehntausende Afghanen wollen nach Jahren der Sprachlosigkeit endlich telefonieren. 72 000 Handy-Nutzer sind es schon und es wären Hunderttausende mehr, wäre es denn technisch möglich.

Doch die beiden Anbieter, AWCC und TDCA, schaffen es nicht, ihr Netz aufzurüsten. Also werden Sim-Cards auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen verkauft, um sich endlich einloggen zu können in das chronisch überlastete System. Nur jeder zehnte Ruf kommt wirklich an, kaum ein Gespräch hält länger als ein, zwei Minuten. "Hier muss man schnell zum Punkt kommen", sagt ein Mitarbeiter Nicht-Regierungsorganisation (NGO) hintergründig. Wohl wahr. Einst gab es Zeit im Überfluss in Kabul. Heute ist sie knapp.

Wer an der Skala seines Radios dreht in Kabul, der kann hören, was los ist in der Stadt. Es gibt: BBC, Isaf-Radio, Voice of America, Radio France International, Radio Bagram, das Frauenradio und - Amani FM. Es ist das In-Radio schlechthin in Kabul, 18 Stunden täglich live mit einem offenbar unschlagbaren Mix aus afghanischer und indischer Musik. Wer jung ist in Kabul oder sich so fühlt, hört Amani FM. Vier Afghanen aus Australien, drei Brüder und ein Cousin, haben im Frühjahr den 1- kW-Transmitter auf einen Hügel in Kabul gestellt. Seitdem werden sie überschüttet mit Hörerpost von Mädchen, die herzchenbeklebte Liebesbriefe an die männlichen Moderatoren schreiben und die weiblichen Radio-DJs als Idole anhimmeln. Die Informationen für ihre Nachrichtenblöcke ziehen sich die Radiomacher aus dem Internet. "Hier in Afghanistan gibt es keinen Copyright-Schutz", lacht der 37 Jahre alte Gründer Saad Mohseni. Geschweige denn so etwas wie Gema-Gebühren. Schon sendeten sie im Plus, sagt der pfiffige Geschäftsmann, genügend Werbung gäbe es - vor allem von den NGO und den Mobilfunkbetreibern. Kabul, die Boomtown.

Es wird gebaut und repariert, in Windeseile. Zum Beispiel schöne Guesthouses wie das Peter?s, die über Wochen hinweg ausgebucht sind. Oder eher schlechte Guesthouses wie das Ariana, die auch noch ein muffiges Zimmer für 40 Dollar vermieten können. Es gibt Internetcafes, die für drei Dollar die Stunde surfen lassen. Und es gibt eine Flut von gelben Taxis, die für einen nicht enden wollenden Stau auf Kabuls Straßen sorgen. Es gibt italienische Restaurants, wie das Popu Leno, das hinter den ausländischen Gästen her ist. Oder es gibt das Lao-Thai im Bezirk Wazir Akbar Khan, das sich mit asiatischer Küche bei den Expats bereits fest etabliert hat. Wer dort den Abend verbringt, hat gute Chancen, keinen einzigen Afghanen zu treffen. Er kann dort Bier vom Fass trinken, Frühlingsrollen essen und sich vom Klangteppich des internationalen Sprachengemischs einlullen lassen - als sei er gar nicht in Afghanistan.

Manche wissen tatsächlich nicht immer so genau, wo sie gerade sind. Uno-Mitarbeiter, die gestern in Sarajevo waren, heute in Kabul, morgen in Bagdad. Leute, die immer dasselbe machen, Büros organisieren, Fahrer und Dolmetscher einstellen, Budgets verwalten, Meetings einberufen, Memos schreiben. Und die immer wieder die gleichen Klagen über die Langsamkeit der Einheimischen im Munde führen, die überall zu Hause sind und nirgends. Ausländer, die den Uno-Wanderzirkus seit Jahren mitmachen. Die auf kurze Zeit teure Häuser mieten, schicke Autos fahren, hohe Gehälter zahlen und das Land verderben. Und die abends im Lao-Thai sitzen und Dönekes erzählen und die Pläne fürs nächste Land schon im Kopf haben.

"Auf die können wir verzichten", sagt Amin Farhang, Wiederaufbauminister Afghanistans. "Auf die Besserwisser." Er glaubt inzwischen, dass das böse Sprichwort stimmt, dass, je ärmer ein Land ist, die internationalen Organisationen immer reicher werden. Weil sie die Lücken in den schlampig zusammengebauten Gesetzen ausnutzen können, weil sie genau wissen, wie man einen Bettler über den Tisch zieht. Und Afghanistan ist arm, bettelarm.

Aber Afghanistan ist auch reich, zumindest für manche. Über fünf Milliarden Dollar wurden Anfang 2002 für den Wiederaufbau versprochen, und es könnte noch mehr werden. So haben die USA gerade noch eine zusätzliche Milliarde bewilligt, andere Länder werden wohl nachziehen. Der pfiffige Landwirtschaftsminister Haneef Atmar fordert bereits für nächsten Februar eine neue Geberkonferenz. 15 Milliarden Dollar brauche Afghanistan, sagt er. Denn tatsächlich saugt Kabul das Geld auf wie ein trockener Schwamm. Kabul: Das ist mehr als ein halbes Tausend registrierter NGO. Und alle sind geldhungrig.

"White-car-syndrome" heißt das, was in Kabul zu besichtigen ist. Benannt nach den schönen weißen Uno-Geländewagen. Oder auch "Uno-Ökonomie": Ist einmal die internationale Hilfe in Marsch gesetzt, kann sie im Nu in fast jedem Winkel der Erde ein kleines Wirtschaftswunder zaubern. Zumindest für Dolmetscher, Fahrer, Kellner, gewitzte Vermieter und Wachdienste. Lässt sich das ändern? Farhang sagt: "Nein, das läuft so von selbst." Wie lange hält das vor? Fahrhang schweigt. Bis der nächste Krisenherd die Gelder abzieht. Wie der Irak. Doch der ist den NGO noch zu heiß. Noch gibt er Afghanistan eine Schonfrist.

Also nutze sie - wie die Kinder, die Mütter und die Krüppel, die "One Dollar, Mister" rufen, wenn sie auf den Straßen einen Ausländer sehen. Auch das ist neu in Kabul. Denn auch sie wollen ein Stück vom Geldsegen abhaben, der über der Stadt niedergeht. Schon ist von einem Sog in die Hauptstadt die Rede, als wäre Kabul, die Stadt der Illusionen, nicht schon groß genug.

Die wahren Helden aber sind nicht in Kabul. Sie sind unterwegs auf den noch immer unsicheren Straßen des Landes. So wie die fünf afghanischen Mitarbeiter der dänischen NGO Dacaar. Die wurden vorvergangene Woche in ihrem Auto in der südlichen Provinz Ghazni von neun Bewaffneten gestoppt. Vier von ihnen wurden erschossen, einer überlebte schwer verletzt. "Wir hatten euch gewarnt: Ihr sollt nicht für die Ausländer arbeiten", sagten die Mörder, bevor sie abdrückten. Auf der Insel Kabul hielt das Entsetzen über die Tat kaum länger als einen Tag. Kabul, die Unerbittliche.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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