Kämpfer für die Bahn-Reform
Mehdorn: Der Mann des Kanzlers

Erst der Kauf des Logistikkonzerns Stinnes, jetzt die neue ICE-Strecke von Köln nach Frankfurt - Bahnchef Hartmut Mehdorn jubelt. Doch sein Schicksal hängt an der Bundestagswahl.

FRANKFURT. Köln-Frankfurt in rasanten eineinviertel Stunden: Seit Ende letzter Woche muss sich eine der teuersten Investitionen der Deutschen Bahn im Fahrplanalltag bewähren. Rund sechs Milliarden Euro kostet die neue ICE-Strecke zwischen Rhein und Main, 300 Stundenkilometer schnell jagen die Triebzüge durch Westerwald und Taunus - als Hoffnungsträger und Umsatzbringer.

Deutschlands oberster Eisenbahner, gerade 60 Jahre alt geworden, hat bisher allen Grund, hoch zufrieden zu sein: Technisch hielten die Züge bisher alles, was sie versprechen, und die Nachfrage ist gut - einige Züge waren sogar schon ausverkauft. Hartmut Mehdorn verfolgt die jüngste Innovation seiner Firma denn auch jeden Tag, zurzeit als Urlauber aus der Ferne seines südfranzösischen Ferienhauses.

Locker, freundlich-strahlend, fast schon euphorisch hatte der Bahnchef Ende Juli die offizielle Jungfernfahrt Frankfurt-Köln begleitet. Die Inbetriebnahme der neuen Schnellstrecke sei ein großer, ja, "ein fantastischer Tag für die Deutsche Bahn", betonte der gebürtige Berliner wieder und wieder vor Kameras und Mikrofonen. Den beinharten Kampf um die Bahn-Sanierung wird er in diesem Momenten kaum im Hinterkopf gehabt haben. Genauso wenig wird er daran gedacht haben, dass die schnelle Linie mit ihren enorm gestiegenen Kosten die Konzernkasse noch erheblich belasten wird.

Solche ungetrübten Festtage wie die ICE-Premiere sind selten im Leben Mehdorns. Seit zweieinhalb Jahren kennt er nur ein Ziel: Er kämpft, um den mit Milliarden-Risiken behafteten Reformprozess des schwerfälligen Staatskolosses bis 2005 erfolgreich abzuschließen. "Kapitalmarktfähigkeit", so sagt er, ist das Ziel. Vom Börsengang spricht er nicht. Er weiß wohl, dass die Eisenbahner-Gewerkschaften aus Furcht vor Shareholder-Value-Philosophien davon nichts wissen wollen. Und die Arbeitnehmervertreter braucht er auf seiner Seite, will er den mühseligen Weg der Sanierung erfolgreich abschließen.

So viel Rücksichtnahme ist nicht gerade typisch für den kleinen, bulligen Mann, der seine Ziele mit der unbeirrbaren Konsequenz einer Dampfwalze anzusteuern pflegt. Kein Mann für Ränkespiele hinterm Rücken, sondern einer der - oft so von ihm formuliert - "mit offenem Visier" seine Probleme angeht. Dann aber auch ohne Rücksicht auf Verluste.

Das hat ihn auf der Beliebtheitsskala des glatten politischen Parketts nicht gerade nach oben katapultiert. Eine von Mehdorns Stärken ist, dass ihm dies ziemlich egal ist. Es ist sicher kein Zufall, dass er in seinem französischen Ferienhaus am liebsten mit Hammer und Amboss hantiert; Florett oder Golfschläger sind ihm - und seinen kräftigen Händen - eher ein Gräuel.

Das Thema Bahn-Sanierung hat den einstigen Airbus-Manager in seiner Komplexität überrascht. So schwierig, das gibt er gerne zu, hatte er sich diese Aufgabe nicht vorgestellt. Sein geradliniger Führungsstil und mehr noch seine stets sichtbare Ungeduld mussten erst die Langsamkeit entdecken, mit der sich der Moloch Bahn in Richtung Wettbewerbsfähigkeit bewegt.

Ungewohnt für Mehdorn ist es, mit welcher Ausdauer die Politik versucht, in den formal seit 1994 als Aktiengesellschaft arbeitenden Konzern Deutsche Bahn hinein zu regieren: von dem einen Intercity-Halt fordernden Landrat bis zum Bundesverkehrsminister. Als Kurt Bodewig im vergangenen Jahr unverhofft die Trennung des Netzes vom Bahnbetrieb forderte, hatte er sich einen neuen Feind geschaffen. Einen, der nicht nur stur und mit einer gewissen Schonungslosigkeit gegen den Widersacher vorging, sondern der auch große politische Rückendeckung hat: Mehdorn ist ein Mann des Kanzlers.

In diesem Spannungsfeld versucht der Bahnchef, dem Mitarbeiter hohes Lob über menschlichen Umgang, Loyalität und einen eher instinktiven, liberalen Führungsstil zollen, aus den einstigen Staatsbahnen Bundesbahn und Reichsbahn einen schlagkräftigen Verkehrsdienstleister zu machen. Und das in europäischer Dimension, wie die jüngst angekündigte Übernahme des Logistikkonzerns Stinnes mit der Spedition Schenker deutlich macht.

Ob er die Früchte seiner Arbeit je ernten kann, wird letztlich der Wähler am 22. September entscheiden. Mann des Kanzlers zu sein, kann für den Bahnchef auch zum Handicap werden.

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