Käuferstreik reißt den Deutschen Aktienindex in die Tiefe
Amerikaner kehren Dax den Rücken

Die weltweite Baisse setzt Deutschlands Aktien besonders stark zu. Die politischen Spannungen zwischen Berlin und Washington verschrecken die Amerikaner ebenso wie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Im Ausland herrscht der Eindruck vor, dass niemand etwas gegen das unbefriedigende Wachstum unternimmt.

DÜSSELDORF/NEW YORK. Wie sich die Tage ähneln: In den ersten Handelsstunde schlagen sich deutsche Aktien noch wacker. Doch spätestens am Mittag ist die Richtung klar: Der Deutsche Aktienindex (Dax) dreht ins Minus, sobald aus den Vereinigten Staaten die ersten Frühaufsteher über London und Frankfurt deutsche Aktien handeln.

Händler beobachten einen regelrechten Käuferstreik mit verheerenden Folgen. Wenn sich beispielsweise Versicherungen von Aktien trennen, damit sich ihre miserable Eigenkapitalbasis nicht weiter verschlechtert, finden sich erst auf stark ermäßigtem Kursniveau wenige Interessenten. Vor allem US-Anleger machen nach übereinstimmenden Angaben von Händlern um Deutschland einen großen Bogen. "Deutschland steht bei Investitionsentscheidungen amerikanischer Anleger ganz hinten an in Europa", sagt Fidel Helmer von Hauck & Aufhäuser. Dabei seien Verkäufe das geringere Problem, sagt der Leiter für Wertpapierhandel: "Uns fehlen die Käufer."

Die Umsätze bestätigen die Sichtweise. Trotz crashartiger Kursstürze und einer auf Rekordhöhe gestiegenen Volatilität sind Deutschlands Börsenplätze von Panik und hohen Umsätzen weit entfernt. Abgesehen von wenigen Ausnahmen werden seit Wochen täglich weniger als 100 Mill. Aktien im Dax gehandelt. Das ist angesichts des starken Kursverfalls ungewöhnlich. Es zeigt, dass den Verkäufen eine extrem niedrige Kaufbereitschaft gegenübersteht. Händler sind deshalb gezwungen, die Kurse deutlich nach unten zu setzen.

Negatives Image

Die Ursachen für den Käuferstreik liegen in dem negativen Image, das Deutschland nach außen vermittelt. "Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist auf dem Altar des Wahlkampfes geopfert worden. Wir brauchen uns keine Illusionen zu machen: Die Amerikaner sind nicht sehr glücklich über die politische Entwicklung", spielt Andreas Kehl von der Deutschen Bank auf die Spannungen zwischen Washington und Berlin an. Gestern weigerte sich US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, mit seinen deutschen Amtskollegen Peter Struck bei der Nato-Tagung in Warschau zu sprechen. Rumsfeld hatte das deutsch-amerikanische Verhältnis wegen der Haltung der Bundesregierung zur Irak-Frage und nach den umstrittenen Äußerungen von Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin als "vergiftet" bezeichnet. "Tatsache ist, dass US-Fonds auch auf stark ermäßigtem Kursniveau nicht als Käufer auftreten", so sieht auch Rolf Stegemann-Kühnert, Händler bei der ING BHF-Bank, die Ursachen für den rasanten Kursverfall im Käuferstreik.

Die Wurzeln für die schlechte Dax-Entwicklung liegen aber nicht nur in den politischen Spannungen, sondern auch in der wirtschaftlich unbefriedigenden Situation. "Deutschland ist das Land in Europa, dessen Volkswirtschaft im Ausland das geringste Potenzial zugebilligt wird. Es wird unterstellt, dass die nötigen Reformen mit dieser Regierung nicht stattfinden und wir in einen Reformstau hinein laufen", sagt Wilhelm Heinrichs von Allianz Dresdner Asset Management.

Infolgedessen büßt Deutschland als Anlageland immer mehr an Attraktivität ein. "Ich denke, das Umfeld in Deutschland sieht derzeit weniger vorteilhaft aus. Eine Arbeitsmarktreform ist unwahrscheinlich. Auch die Wirtschaftsdaten sind negativ", sagt der amerikanische Fondsmanager David Cooley von J & W Seligman & Co. Deshalb sei es sehr wahrscheinlich, dass US-Investoren in Deutschland weniger investierten. Cooley hat zuletzt SAP-Aktien verkauft, dafür allerdings BMW-Aktien zugekauft. "Ich sehe in dem deutschen Umfeld nicht voraus, dass es große Ideen geben wird für Unternehmen. Aber individuelle Menschen werden weiterhin BMWs kaufen", sagt er.

"Niemand tut etwas dagegen, dass Deutschland Schlusslicht beim Wachstum ist. Das ist der Eindruck ausländischer Investoren", beobachtet Deutsche-Bank-Händler Andreas Kehl seit Wochen einen negativen Effekt. Dieser wird nach Ansicht von Händlern durch marktferne Entscheidungen wie zuletzt bei Mobilcom gefördert. Die Bundesregierung hat nach dem Scheitern bei Philipp Holzmann auch bei dem Telekomkonzern eine Rettungsaktion angekündigt. "Die Furcht vor dem Markt muss abgebaut werden. Deutschland braucht mehr Liberalisierung, um für Investoren attraktiver zu werden", wünscht sich Stuart Graham von Merrill Lynch ein klareres Bekenntnis zum Wettbewerb.

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