Kahn: "Haben zu wenig getan"
Großer Ärger über Tor-Schock in letzter Minute

Der Ärger war groß, aber er schlug schnell in Trotz um: Schon in den Katakomben des "Kashima Football Stadium" verbot Rudi Völler lange Diskussionen um die verschenkte vorzeitige Achtelfinal-Qualifikation. "Unsere Ausgangsposition ist so schlecht nicht, viele Mannschaften würden uns darum beneiden", sagte der DFB - Teamchef nach dem Last-Minute-Ausgleich der Iren zum 1:1.

dpa IBARAKI/JAPAN. "Es gibt keinen Grund, Trübsal zu blasen und den Kopf hängen zu lassen", betonte auch Oliver Kahn den Optimismus, im dritten WM-Gruppenspiel am kommenden Dienstag gegen Kamerun den Sprung in die K.o.-Runde noch zu schaffen.

Dennoch hat sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft durch den Gegentreffer von Robbie Keane in der Nachspielzeit die Riesen-Chance verdorben, in Ruhe die Vorbereitungen auf das Achtelfinale zu betreiben. "Ich werde eine schlechte Nacht haben", verabschiedete sich Völler mit der Gewissheit aus Ibaraki, dass in den sechs Tagen bis zum "Endspiel" gegen Kamerun nun die Angst wieder mit im Trainingscamp in Miyazaki zu Hause ist. "Jetzt müssen wir wieder zittern", sagte Dietmar Hamann, der beim letztlich gerechten 1:1 gegen die kampfstarken Iren wieder zu den Besten gezählt hatte. Andere wie der Leverkusener Bernd Schneider konnten an ihre Leistung zum WM-Start nicht anknüpfen.

"Leider haben wir nicht mehr versucht, Fußball zu spielen", bemängelte Völler die Defizite nach der Pause. Das vierte Turnier-Tor von Miroslav Klose (18. Minute) reichte vor 42 000 Zuschauern in Ibaraki nicht zum Sieg, weil sich die Auswahl des Deutschen Fußball- Bundes (DFB) nach der Führung viel zu weit zurückzog und den Iren die Initiative überließ. Die Strafe folgte, als Jens Jeremies im Mittelfeld den Ball leichtsinnig vergab, Christoph Metzelder nicht an den Ball kam, und Carsten Ramelow auch nicht mehr klären konnte. "So einen Fehler darf man auch in der 92. Minute nicht mehr machen", kritisierte Kapitän Kahn, der mit drei Weltklasse-Paraden zuvor den Ausgleich noch verhindert hatte.

Der "Warnschuss zur rechten Zeit", wie Franz Beckenbauer den Rückschlag nach dem klaren 8:0 gegen Saudi-Arabien bezeichnete, wirft eine Menge Fragen auf. Warum gelang es der DFB-Elf mit fortschreitender Spielzeit immer weniger, den Ball zu behaupten? Wie kann Michael Ballack im WM-Turnier noch seine 100-prozentige Fitness finden? Können die Konzentrationsschwächen ausgemerzt werden? "Das Sträflichste war, dass wir eine Minute vor dem Ende das Spiel nicht über die Runden kriegen. Es wird nicht einfacher, weil du auf jeden Fall noch einen Punkt machen musst", ärgerte sich auch DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder.

Zu allem Überfluss verletzte sich Torjäger Klose bereits vor seinem vierten WM-Tor, das er wie gegen Saudi-Arabien nach Flanke von Ballack per Kopf erzielte, am rechten Knie. "Ich habe einen Schlag unter die Kniescheibe bekommen. Es ist schmerzhaft, aber keine Gefahr", beschrieb der Lauterer, der nun eine Quote von zwölf Toren in 14 Länderspielen aufweist, die Verletzung. "Wir haben den Vorteil, dass wir jetzt sechs Tage Pause haben. Miro wird ein bisschen pausieren und wird intensiv behandelt", erklärte Völler. An Kloses Seite leistete Carsten Jancker ein großes Laufpensum und riss immer wieder Lücken in die irische Abwehr, verpasste aber auch bei der besten Konterchance (68.) die Entscheidung.

Nach Wiederbeginn präsentierte sich die deutsche Mannschaft praktisch nur noch "italienisch", ließ die Elf von der Grünen Insel kommen und lauerte auf Konter. Allerdings barg diese Zurückhaltung ständig die Gefahr eines Gegentreffers. Als Damien Duff in der 56. Minute schneller reagierte als Thomas Linke, verhinderte nur ein Reflex von Kahn den drohenden Ausgleich. Acht Minuten vor dem Ende musste der Bayern-Schlussmann gegen Keane noch einmal sein ganzes Können aufbieten, um Unheil von der in der Schlussphase arg unter Druck stehenden Elf abzuwenden. Doch dann passierte es in der 92. Minute doch: Keane traf zum verdienten 1:1.

"Ich hatte auch das Gefühl, dass wir in der zweiten Halbzeit um den Ausgleich gebettelt haben, das kann man schon sagen", unterstrich der ehrgeizige Kahn den Ärger im deutschen Lager. "Wir stehen nach wie vor noch da, dass wir an guten Tagen jeden Gegner schlagen können. Aber solche Fehler wie beim 1:1 darf man nicht machen, das wird international einfach bestraft", ergänzte der Kapitän. Auch Shooting Star Klose zeigte sich "ziemlich verärgert, weil ich mich nach der Pause nicht mehr so gut bewegt habe, und weil die Mannschaft die Laufwege nicht mehr gefunden hat".

In den nächsten Tagen muss das DFB-Team vor allem den Weg finden, Spannung und Lockerheit genau zu dosieren, um den Ärger über den Irland-Schock zu verdauen. "Ab morgen können wir mit dem Ergebnis umgehen", hofft Rudi Völler. "Wir können mit breiter Brust gegen Kamerun rausgehen und versuchen sie wegzuputzen. Ich bin fest vom Achtelfinale überzeugt", meinte Klose.

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