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Kahn nicht mehr DFB-Kapitän

Auswechslung des Kapitäns, Abmahnung für Sepp Maier und Ausfälle am Fließband: Der erste Arbeitstag von Jürgen Klinsmann mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war an Turbulenzen kaum mehr zu überbieten.

dpa NEU-ISENBURG. Auswechslung des Kapitäns, Abmahnung für Sepp Maier und Ausfälle am Fließband: Der erste Arbeitstag von Jürgen Klinsmann mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war an Turbulenzen kaum mehr zu überbieten.

Mit der Berufung von Michael Ballack als neuen Spielführer für den entmachteten Oliver Kahn legte der Bundestrainer die Rangordnung in der DFB-Auswahl neu fest. Zudem wies er Bundestorwarttrainer Sepp Maier in die Schranken, der ihn in einem Zeitungsinterview scharf kritisiert hatte.

Von den üblichen Personalsorgen seiner Vorgänger blieb allerdings auch der neue Hoffnungsträger Klinsmann zwei Tage vor seiner "Feuertaufe" gegen Österreich nicht verschont. Sowohl die Abwehrspieler Arne Friedrich und Jens Nowotny (beide Knieprobleme) als auch Stürmer Miroslav Klose, der sich bei der ersten Trainingseinheit in Frankfurt einen Pferdekuss im Oberschenkel einhandelte, fallen verletzungsbedingt für das Testspiel in Wien aus. Dazu ist Thomas Brdaric noch angeschlagen. Klinsmann nominierte den Schalker Gerald Asamoah, den erst 19-jährigen Robert Huth (FC Chelsea) sowie den vor zwei Jahren zurückgetretenen Münchner Thomas Linke nach. "Ich habe ihn gebeten, noch einmal auszuhelfen", sagte Klinsmann. Als Perspektivspieler für die WM 2006 aber will sich Linke nicht mehr sehen: "2006 bin ich fast 37, da kommt die WM leider zu spät für mich."

Eine Entscheidung für die Zukunft ist die Wachablösung in der Kapitänsfrage. "Ich wünschte mir einen Feldspieler, der zu allen Mannschaftsteilen Verbindung hat und in schwierigen Phasen die Zügel in die Hand nimmt", begründete Klinsmann seine Entscheidung, die schon deshalb besonders pikant ist, weil damit die bei Bayern München von Trainer Felix Magath aufgestellte Hierarchie auf den Kopf gestellt wurde. "Das wird vom FC Bayern akzeptiert", betonte Klinsmann.

"Das ist eine große Ehre. Ich freue mich, dass der Trainer mir so viel Verantwortung überträgt", sagte Ballack, dessen 45. Länderspiel damit im Ernst-Happel-Stadion ein ganz besonderes wird. Grundsätzlich, so glaubt der 27-Jährige, werde sich aber für ihn nicht so viel ändern: "Ich bin nach außen hin nicht der Lautsprecher, aber meine Aufgabe war es immer, die Mannschaft zu führen."

Kahn kommentierte seine Ablösung zwar mit grimmiger Miene, aber gefasst und nach eigener Darstellung sogar ein wenig befreit. "Ich bin irgendwie erleichtert, weil ich mich jetzt noch mehr auf das Wesentliche konzentrieren kann", sagte der 35-Jährige, den Klinsmann am Montagmorgen von seiner Entscheidung unterrichtet hatte. Dabei trug Klinsmann zu Kahns Gesichtswahrung bei, indem er von den angekündigten Rotations-Plänen abrückte und die bestehende Torhüter- Ordnung nachträglich öffentlich anerkannte: "Es gibt eine klare Grund-Konstellation: Oliver Kahn ist die Nummer eins, Jens Lehmann die Nummer zwei und Timo Hildebrand im Moment die Nummer drei." Kahn werde am Mittwoch "im Tor beginnen".

Kahn bezeichnete die Torhüter-Diskussionen als "aberwitzig und lächerlich" und verband seine Absetzung als Kapitän mit einer Kampfansage an die Torhüter-Konkurrenz: "Ich denke nicht, dass wir in einem halben Jahr noch darüber diskutieren werden, wer im Tor steht."

Mit einer 20-minütigen Ansprache und zwei Trainingseinheiten, in denen Assistent Joachim Löw den Ton angab, hatte Klinsmann die 19 Spieler auf das "Projekt 2006" eingeschworen und ihnen die künftigen Verhaltensregeln mit auf den Weg gegeben. Wer Probleme habe, solle sich an die sportliche Leitung wenden und nicht den Weg über die Medien gehen. "Wir brauchen einen ganz engen Kreis, in dem ein absolutes Vertrauensverhältnis da ist", verdeutlichte Teammanager Oliver Bierhoff.

Der erste, der gegen den neuen Knigge verstieß und sich deshalb einen Rüffel von Klinsmann einhandelte, war Sepp Maier. Er hatte dem neuen Bundestrainer vorgeworfen, er würde "die klare Nummer eins" Kahn durch das Rotationsprinzip verunsichern. "Ich habe ihm gesagt, dass er künftig solche Gedanken mit Jogi oder mit mir austauschen soll und nicht über einen dritten Weg", verdeutlichte Klinsmann, der in Wien und vielleicht auch darüber hinaus auf eine wichtige Bezugsperson verzichten muss. Denn die Gespräche zwischen dem DFB und Flavio Battisti, den Klinsmann vom Betreuer zum OK-Chef befördern will, sind ins Stocken geraten. "Flavio hat sich Bedenkzeit erbeten", sagte Klinsmann. Während dessen Länderspiel-Premiere macht Battisti Urlaub in Italien.

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