Kahn träumt vom Finale
Neuville schießt Deutschland ins Viertelfinale

Die Parallelen zur WM 1986 werden immer deutlicher: Mit einer spielerisch und personell limitierten Mannschaft hat Deutschland zum 14. Mal das Viertelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft erreicht.

dpa SEOGWIPO. Dank einer großen Portion Geduld und eines späten Treffers von Oliver Neuville zwei Minuten vor dem Ende übersprang die DFB-Elf am Samstag im südkoreanischen Seogwipo die Achtelfinal-Hürde Paraguay mit 1:0 (0:0). Gegner im Viertelfinale am kommenden Freitag in Ulsan ist der Sieger des Duells zwischen den USA und Mexiko.

Spieler, Trainer und Funktionäre sehen sich nun auf einem ähnlichen Weg wie vor 16 Jahren, als sich Franz Beckenbauer bei seiner ersten WM als Teamchef auch mit einer dezimierten und wenig glanzvollen Elf durch das Turnier quälte, die erst im Endspiel von Argentinien (2:3) gestoppt wurde. Der aktuellen WM-Mannschaft könnte nun das Gleiche gelingen. "Jetzt kommen wir gegen Mexiko oder die USA, warum sollen wir uns da nicht durchsetzen?", stufte Kapitän Oliver Kahn die Halbfinal-Chancen als sehr gut ein und fügte an: "Wir können jetzt auch bis ins Finale durchlaufen."

Völler bewies im "Cheju World Cup Stadium", das mit 25 176 Zuschauern nicht mal zu zwei Dritteln gefüllt war, mit der Aufstellung des Leverkuseners Neuville ein "goldenes Händchen". Erst zwei Stunden vor dem Anpfiff hatte der Teamchef den 29 Jahre alten Stürmer darüber informiert, dass er statt Carsten Jancker der Angriffspartner von Miroslav Klose sein würde. "Wir haben uns durch seine Schnelligkeit gegen Paraguay etwas ausgerechnet. Und dass er dann noch das entscheidende Tor macht, ist natürlich besonders schön", erklärte Völler seine Beweggründe für den Wechsel.

Mit einer anderen personellen Maßnahme hatte der 42-jährige Teamchef gegen die in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkten Südamerikaner dagegen erst falsch gelegen. Marko Rehmer fand nach dreieinhalb Monaten Wettkampfpause nie zu sicherem Spiel in der neu formierten Viererkette. Christoph Metzelder auf der linken Seite nutzte seine Freiheiten nach vorn viel zu selten. Der Dortmunder musste mit Blessuren an beiden Sprunggelenken nach einer Stunde ausgewechselt werden und bangt um seine rechtzeitige Genesung bis zum Viertelfinale.



"Jetzt ist alles möglich"

In einer über weite Strecken schwachen WM-Partie, in der beide Teams das große Risiko scheuten, entschied eine starke Szene über das Weiterkommen. Geburtstagskind Kahn, der am Samstag 33 wurde, brachte einen weiten Abschlag auf Torsten Frings, der zu Bernd Schneider verlängerte. Der Leverkusener bediente von rechts außen mustergültig seinen Clubkollegen Neuville, der den Ball aus kurzer Distanz einschoss. 1986 hatte Lothar Matthäus das Achtelfinal-Duell gegen Marokko ebenfalls erst in der 88. Minute für Deutschland entschieden.

"Jetzt ist alles möglich", jubelte Matchwinner Neuville, der schon an seinen WM-Chancen gezweifelt und vor zwei Tagen mit Völler über seine Lage gesprochen hatte, über den späten Erfolg. "Ein Spiel dauert immer 90 Minuten", machte der Deutsch-Schweizer die Geduld im Team deutlich, nachdem in der ersten Halbzeit so gut wie nichts lief. Die Ausfälle von Dietmar Hamann, Christian Ziege und Carsten Ramelow konnten erst später kompensiert werden. "Wir haben in der ersten Halbzeit gar keinen Fußball gespielt", monierte der Teamchef.

"Männer, wir sind hier nicht bei einem Freundschaftsspiel, wir sind bei einer Weltmeisterschaft", redete Völler in der Pause seinen Spielern ins Gewissen. Mit der Einwechslung von Sebastian Kehl für Rehmer und der Umstellung auf eine Dreierkette in der Abwehr trug er zudem persönlich zur Wende bei. "Wir haben immer an uns geglaubt. Wir können mit dem Resultat umgehen und wissen, dass wir nicht jeden Gegner an die Wand spielen können", sagte Völler. Doch vor allem die physischen Vorteile zwangen den Gegner letztlich in die Knie. In der Schlussminute wurde Paraguays Mittelfeldspieler Roberto Acuna nach einer Tätlichkeit gegen Michael Ballack noch mit der Roten Karte des Feldes verwiesen.

Gegen die defensiv gut organisierten und sehr disziplinierten Südamerikaner zeigte sich aber auch einmal mehr das große Manko der deutschen Mannschaft, ein Spiel nicht bestimmen zu können. Obwohl sich Ballack nach seiner Muskelverhärtung in der Wade rechtzeitig wieder einsatzfähig gemeldet hatte, gingen von dem künftigen Bayern - Spieler im Mittelfeld nicht die erhofften Impulse aus. "Wir haben gewonnen und insofern alles richtig gemacht", fasste der Dortmunder Kehl das Geschehen zusammen. Der Ex-Freiburger lieferte bei seinem WM-Debüt eine starke Leistung ab.

Erst nach der taktischen Umstellung - Kehl rückte in die Dreierkette - ergaben sich für das DFB-Team nach dem Seitenwechsel Möglichkeiten. Doch weder Schneider (47.) noch Torsten Frings (68.) oder WM-Torjäger Miroslav Klose (zwei Mal per Kopf) zielten genau. Gegen immer stärker nachlassende Paraguayer verdiente sich die deutsche Mannschaft den Sieg aber durch eine eindeutige Überlegenheit in der letzten halben Stunde. "Unsere überragende Fitness hat sich ausgezahlt", betonte Franz Beckenbauer.

Statistik zum Spiel:

Deutschland: Kahn (Bayern München/33 Jahre/49 Länderspiele) - Frings (Werder Bremen/25/12), Rehmer (Hertha BSC/30/28 - 46. Kehl/Borussia Dortmund/22/9), Linke (Bayern München/32/38), Metzelder (Borussia Dortmund/21/10 - 60. Baumann/Werder Bremen/26/12) - Schneider (Bayer Leverkusen/28/13), Ballack (Bayer Leverkusen/25/26), Jeremies (Bayern München/28/37), Bode (Werder Bremen/32/37) - Neuville (Bayer Leverkusen/29/33 - 90. Asamoah/FC Schalke 04/23/12), Klose (1. FC Kaiserslautern/24/16)

Paraguay: Chilavert (Racing Straßburg/36/72) - Caceres (Olimpia Asuncion/21/6), Ayala (River Plate Buenos Aires/31/80), Gamarra (AEK Athen/31/80) - Arce (Palmeiras Sao Paulo/31/55), Bonet (Libertad Asuncion/24/4 - 84. Gavilan/Tecos Guadalajara/22/24), Acuna (Real Zaragoza/30/81), Struway (Libertad Asuncion/31/72 - 90. Cuevas/River Plate B.Aires/22/13), Caniza (Santos Laguna Mexiko/27/53) - Cardozo (Toluca Mexiko/31/61), Santa Cruz (FC Bayern München/21/28 - 29. Campos/Un. Catolica Santiago/31/35))

Schiedsrichter: Batres (Guatemala) - Zuschauer: 25 000

Tor: 1:0 Neuville (88.)

Gelbe Karten: Schneider, Baumann, Ballack / Acuna, Cardozo

Rote Karte: Acuna (90./Tätlichkeit)

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