Kajo Neukirchen interessieren Stilfragen wenig
Der knallharte Sanierer

Kaum ein Manager ist so umstritten wie Kajo Neukirchen. Er ist vor allem als harter Sanierer bekannt. Doch darüber hinaus sind seine Erfolge eher bescheiden.

Wie immer sitzt der Anzug perfekt, ebenso der Seitenscheitel. Mit leicht erhobenen Kopf schreitet Kajo Neukirchen die Treppe in der Konzernzentrale der MG Technologies hinunter. Er ist auf dem Weg zur Pressekonferenz, als ein kleines, lose herumhängendes Seil am Treppengeländer seine Aufmerksamkeit weckt. "Was macht denn das komische Band hier", raunzt er einen MG-Mitarbeiter an. Der wendet sich schnell mit rotem Kopf ab.

Wohl kaum ein Manager ist so gefürchtet wie Kajo Neukirchen, derzeit noch Vorstandschef der MG Technologies. Vor allem sein ruppiger Führungsstil sorgt immer wieder für Unmut. Der 60-Jährige ist ein Mann der klaren Worte. "Er weicht keiner direkten Konfrontation aus. Läuft ihm etwas etwas total gegen den Strich, wirft er seinen Gesprächspartner auch schon mal zur Tür hinaus", berichtet ein Ex-Geschäftspartner.

Dass der ungeliebte Manager jetzt der direkten Konfrontation mit seinem Widersacher Otto Happel aus dem Weg geht und seinen Posten als Vorstandschef niederlegte, ist dennoch nicht überraschend. Der 60jährige weiß, dass er seinen Zenit als Top-Manager überschritten hat. Die finanzielle Vorsorge dürfte mehr als ausreichend sein. Warum also sollte er sich einen Kleinkrieg mit einem Aufsichtsratsmitglied antun?

Jahrelang galt Neukirchen als der "Feuerwehrmann" der Deutschen Bank. Sie holte ihn 1993 zur angeschlagenen Metallgesellschaft. Hochspekulative Ölgeschäfte in den USA hatten den Konzern an den Rand des Konkurses gebracht. Neukirchen baute das Unternehmen schnell und radikal um.

Zuvor hatte er versucht, das Steuer beim Maschinenbaukonzern Klöckner-Humboldt-Deutz herumzureißen. Doch der Erfolg war nur mäßig. Mehrfach geriet der Konzern nach dem Ausscheiden Neukirchens in eine Krise. Nur kurz war dagegen sein Zwischenspiel beim Dortmunder Stahlkocher Hoesch; zu kurz, um seine Leistung abschließend beurteilen zu können. Sicher ist indes, dass er den Schweinfurter Kugellagerhersteller FAG Kugelfischer erfolgreich saniert hat.

Aufgewachsen ist Neukirchen in einfachen Verhältnissen als Sohn eines Arbeiters in Bonn. Stück für Stück arbeitete er sich auf der Karriereleiter voran. Für ihn stand früh fest: Er wollte nach ganz oben, am liebsten auf den Chefsessel eines Dax-Unternehmens. Statussymbole wie der teure Anzug und die Zigarre waren seine ständigen Begleiter.

Wird der Manager als Sanierer gerufen, schneidet er hart und ohne große Rücksicht in die Substanz. 30 000 Stellen baute Neukirchen in den ersten Jahren der MG-Sanierung ab.

Das brachte ihm ein wenig schmeichelhaftes Image ein. Immer wieder schmückten Formulierungen wie "Eiskalter Sanierer", "Mann mit dem Buschmesser", oder "Rambo" die Berichte über den bekanntesten Sanierer Deutschlands.

Auch gegenüber Managementkollegen fährt Neukirchen einen harten Kurs. Selbst in größeren Runden kanzelt er sie öffentlich ab. Zahlreiche Manager warfen unter Neukirchen das Handtuch. So viele, dass zuweilen Spekulationen über Probleme bei der Besetzung freier Posten aufkamen.

"Neukirchen nimmt auf Stilfragen wenig Rücksicht", beschreibt ein Neukirchen-Begleiter den bisherigen MG-Chef. Das hat auch das damalige Management der MG-Anlagenbautochter Lurgi bitter erfahren müssen. Angebliche Fehlbuchungen bei einer Lurgi-Tochter hatten ein großes Loch in die Lurgi-Bilanz gerissen. Neukirchen tobte. "Das Lurgi-Ergebnis ist durch falsche Management-Entscheidungen belastet worden. Das Ausscheiden von Managern, die Defizite produzieren, ist für den Konzern, Mitarbeiter und Aktionäre kein Verlust", watschte er seine Kollegen während einer Veranstaltung mit Journalisten ab.

Solches Verhalten stellte Neukirchens soziale Kompetenz in Frage: "Um ein Unternehmen langfristig und nachhaltig weiterentwickeln zu können, ist ein halbwegs angstfreies Arbeitsklima notwendig, gerade bei den engsten Mitarbeitern des Vorstands. Dass ein solches Klima bei der MG herrschte, daran gab es zumindest Zweifel", bringt es Rolf Dress von Union Investment, einem MG-Aktionär, auf den Punkt.

So erfolgreich Neukirchen bei Sanierungen war, eines hat er in den Augen vieler Beobachter nicht beweisen können: Dass er ein Unternehmen auch nach der Sanierung erfolgreich führen kann. Wohl auch deshalb hat sein Widersacher Otto Happel gestern nach einer langen Auseinandersetzung doch noch seinen Sieg feiern können.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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