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Kamerun feuert Trainer Schäfer

Als Kameruns Mannschaftsbus die Katakomben des Leipziger Zentralstadions verließ, hatte Winfried Schäfer wie immer seinen Platz auf dem Chefsessel vorn rechts eingenommen. Doch es sollte seine letzte Dienstfahrt für das westafrikanische Land werden.

dpa LEIPZIG. Als Kameruns Mannschaftsbus die Katakomben des Leipziger Zentralstadions verließ, hatte Winfried Schäfer wie immer seinen Platz auf dem Chefsessel vorn rechts eingenommen. Doch es sollte seine letzte Dienstfahrt für das westafrikanische Land werden.

Um 0.30 Uhr war der deutsche Coach des fünffachen Afrika-Meisters auf Anordnung von Kameruns Sportminister Bidoung Mpkatt abgelöst. Das 0:3 im Testspiel gegen Deutschland, vor allem aber der höchstpeinliche Auftritt der Kicker, hatte das randvolle Fass zum Überlaufen gebracht. Nichts mehr wert waren da Schäfers Erfolge wie der Gewinn der Afrika-Meisterschaft 2002 und die Finalteilnahme am Confederations Cup 2003.

"Ich weiß von nichts, mit mir hat niemand gesprochen", reagierte Schäfer in den frühen Morgenstunden gereizt. Zu diesem Zeitpunkt feierte ein Großteil der Mannschaft ohne ihren Trainer in einer Leipziger Nobel-Diskothek, wahrscheinlich auch die Entlassung. "Mit dieser Niederlage war er nicht mehr zu halten. Man kann keinem in Kamerun diese Leistung verkaufen", begründete Verbandspräsident Mohamed Iya die Suspendierung des 54-Jährigen, der einen Vertrag bis 2006 besaß. Die Kameruner Fußball-Bosse bangen um die Qualifikation zur WM 2006 in Deutschland und waren sich nach dem Leipzig-Auftritt sicher, dass es keine Trendwende mit Schäfer mehr geben würde.

Die Art und Weise der Entlassung war nur noch das i-Tüpfelchen auf eine Länderspielreise, die einem Skandal glich. Drei Stunden vor dem Anpfiff hatte das Team um Kapitän Rigobert Song sogar mit Boykott gedroht, falls ausstehende Prämien für vergangene Auftritte nicht gezahlt werden. Iya gab schließlich nach und verhinderte somit einen Eklat. Schon das hatte Schäfer auf die Palme gebracht. Übte er sich zunächst noch in diplomatischen Sätzen ("Wir waren nicht so vorbereitet, wie wir es hätten sein sollen."), holte er später zum verbalen Rundumschlag aus: "Wenn man vor einem Länderspiel eine Stunde zusammen sitzt und über Prämien redet, ist das keine gute Vorbereitung. Du arbeitest dann gegen den Erfolg. Ich habe mich für unseren Auftritt geschämt, das war auch frech gegenüber den Gastgebern."

Tatsächlich war das, was die Kameruner auf dem Rasen des Zentralstadions boten, eine Zumutung für Gegner und Zuschauer. Disziplinlosigkeiten, keine Ordnung, rüpelhafte Fouls, wildes Gestikulieren: Die "unbezähmbaren Löwen" bestätigten ihr Chaoten-Image und verspielten sich sämtliche Sympathien. "Ich habe schon gedacht, die verprügeln sich selbst", meinte Bastian Schweinsteiger verwundert, als Kaiserslauterns Lucien Mettomo und Barcelona-Star Samuel Eto'o bei einer Mauerbildung plötzlich aufeinander los gingen.

Mehr denn je hatten die Beobachter in Leipzig den Eindruck, dass Schäfer die Mannschaft gar nicht mehr erreicht. Zwar sagte der Coach, er hätte in der Kabine eine flammende Rede gehalten, dem Team gesagt, sie seien keine Patrioten und besäßen kein Herz. Doch ob dies überhaupt in die französische Landessprache übersetzt wurde, wusste Schäfer nicht. Viel mehr wurde schon lange gemunkelt, dass die Taktik von Kapitän Song festgelegt wird. Der ehemalige Kölner gilt als die "graue Eminenz" im Team. "Ich weiß von nichts", sagte Song dazu.

Kameruns heißblütige und fanatische Anhänger hatten auch schon mit Schäfer abgeschlossen. "Tschüs Schäfer" und "Schäfer raus" tönte es noch mitten in der Nacht vor dem Mannschaftshotel, als der Fußballlehrer schon lange gefeuert war. "Wir machen ihm zum Vorwurf, dass er weder unsere Sprache spricht noch in unserem Land wohnt. Er holt doch nur Spieler auf Empfehlung in die Mannschaft", wetterten sie auf den Deutschen, der gegen seinen Rausschmiss versichert sein soll. "Freiwillig gehe ich nicht", meinte Schäfer nur vielsagend.

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