Kampf der Steuerhinterziehung
Erst den Kassenbon, dann den Espresso

Unter den Café- und Ladenbesitzern Italiens geht die Angst um. Denn ein wichtiger Programmpunkt im Haushalt der neuen Regierung ist die Bekämpfung der Steuerhinterziehung.

MAILAND. "Bitte erst den Kassenbon holen und dann den Espresso bestellen", weist der Barmann im Mailänder Café "Subway" den ungläubigen Stammkunden zurecht. "Befehl von oben", fügt er fast entschuldigend hinzu. Die Zeiten haben sich geändert in Italien.

Es ist erst wenige Wochen her, dass die Regierung unter Romano Prodi ihren Haushaltsentwurf vorgestellt hat. Und unter den Café- und Ladenbesitzern geht bereits die Angst um. Denn ein wichtiger Programmpunkt im Haushalt ist die Bekämpfung der Steuerhinterziehung. Insgesamt acht Mrd. Euro Mehreinnahmen für 2007 erhofft sich die Regierung durch die Bekämpfung der in Italien weit verbreiteten Unsitte. Geld, das für die Sanierung der öffentlichen Haushalte dringend gebraucht wird. Gestern senkten die Ratingagenturen Standard & Poor?s und Fitch ihre Bewertung der Kreditwürdigkeit Italiens jeweils um eine Stufe herab - vor allem wegen der hohen Schuldenlast.

Einige der Regeln gegen Steuerhinterziehung gelten bereits: So kann ein Geschäft oder ein Lokal heute schon dann für einen Monat geschlossen werden, wenn es nur ein einziges Mal keinen Kassenbon ausgibt. Bisher mussten dem Besitzer drei Verstöße nachgewiesen werden.

Was vielleicht wie eine Lappalie klingt, hat in Italien große Auswirkungen, denn Steuerhinterziehung ist weit verbreitet. Ob Handwerksbetrieb, Restaurant, Hotel oder Friseur - sobald die Besitzer Vertrauen zu ihren Kunden gefasst haben, gibt es keinen Kassenbon oder keine Quittung mehr. Dem Kunden war es bisher meist unangenehm, auf dem Stück Papier zu bestehen, und so wanderte das Geld schwarz in die Kasse. Ganz normaler Alltag. Laut Schätzungen gehen rund 200 bis 300 Mrd. Euro an der Steuer vorbei, das entspricht mehr als einem Fünftel des Bruttoinlandsprodukts. Damit liegt Italien weit über dem, was in anderen europäischen Ländern üblich ist.

Und so ist es auch kaum verwunderlich, dass etwa Italiens Barbesitzer im Schnitt nur 15  852 Euro im Jahr oder etwas mehr als 43 Euro am Tag verdienen - zumindest, wenn man ihrer Steuererklärung glaubt. Arm dran sind auch die Juweliere in der Toskana, die gerade einmal 19 716 Euro Jahresverdienst angeben. Noch schlechter geht es den Autohändlern in der reichsten Region, der Lombardei, mit offiziell 16  166 Euro im Jahr.

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