Kampf durch Trümmer
Ahmeds erster Arbeitstag

Ahmed el Husseini, 30, schüttelt den Kopf und seufzt. Als der Ingenieur seinen Arbeitsplatz zuletzt sah, hatte die South Oil Company in Nord Rumeila noch Büros aus stabilen Betonwänden. Jetzt, drei Wochen später, traut er sich zum ersten Mal wieder in die Gebäudereste - und muss sich durch Trümmer kämpfen.

Erst haben amerikanische und britische Truppen die Ölfelder hier und die Förderstation Nummer 1 eingenommen, dann sind Plünderer gekommen, haben Firmenfahrzeuge mitgenommen und die Warenlager rund um das verlassene Ölfeld 50 Kilometer westlich von Basra leer geräumt. "Wir müssen dem Chaos hier ein Ende machen und dann wieder an die Arbeit gehen", sagt Husseini, als er über die staubigen Felder der Anlage stapft.

Das Ingenieurkorps der US-Armee und eine Gruppe texanischer Ölfirmen versuchen derzeit, die irakische Ölindustrie wieder flottzumachen. Mit den Öleinnahmen, so kalkuliert das amerikanische Verteidigungsministerium, soll der Wiederaufbau des zerstörten Landes mitfinanziert werden. Im Süden, so schätzen die Ölexperten, wird es allerdings noch Monate dauern, bis aus den Feldern wieder Öl exportiert wird. Im weniger zerstörten Norden könnte es innerhalb von ein paar Wochen so weit sein.

Der Erfolg hängt maßgeblich davon ab, ob die Iraker mit den amerikanischen und britischen Truppen kooperieren - und ob Leute wie Ahmed el Husseini zurück an die Arbeit gehen. In Basra forderten Soldaten die Bewohner bereits über Megafone auf, in dieser Woche wieder zu arbeiten. In Bagdad baten US-Truppen Anfang vergangener Woche die Polizisten, sich wieder auf ihren Revieren zu melden. Und in Rumeila verbreiteten Verwaltungsspezialisten der britischen Armee, dass auf der Förderstation Nummer 1 Arbeiter wieder willkommen seien.

Bislang allerdings kehren sie nur vereinzelt an ihre Arbeitsplätze zurück. Während des Wochenendes erschienen rund vier Dutzend Ingenieure, Mechaniker und Feuerwehrmänner zu einem Treffen mit Armee-Ingenieuren und Mitarbeitern der texanischen Firma Kellogg Brown & Root (KBR), einer Tochter von Halliburton. Vor dem Krieg waren auf dieser Förderstation und den nahe gelegenen Ölfeldern rund 700 Arbeiter beschäftigt. "Ich denke, das ist ein guter Anfang", sagt Tom Logsdon, ziviler Stellvertreter des für den Wiederaufbau in Nord-Rumeila zuständigen Generals Robert Crear. Das Pentagon steht zudem kurz davor, den früheren Royal-Dutch/Shell-Manager Phillip Carroll für die irakische Übergangsregierung zu benennen. Er soll den Wiederaufbau der Ölindustrie vorantreiben.

Schon vor dem Krieg lag Ölindustrie am Boden

Keine leichte Aufgabe: Schon vor dem Krieg lag die Ölindustrie am Boden. Jetzt aber sind Führungskräfte, die Saddam Husseins Baath-Partei nahe standen, entweder geflohen oder in Gewahrsam genommen. Und die Plünderer haben mitgenommen, was sie konnten - einschließlich einer kompletten Flotte von Nissan Pick-ups und rund 2 000 für Klimaanlagen geeigneter Fensterelemente.

Vor rund einer Woche ist Husseini erstmals wieder auf der Station aufgetaucht. Er hat den Militär-Ingenieuren geholfen, fünf nahe gelegene Bohrlöcher zu schließen, damit man sie auf Minen und Sprengfallen untersuchen konnte. Am Samstag dann begann die eigentliche Arbeit. Er versammelte sich mit anderen Angestellten im spartanisch eingerichteten Kontrollraum der Station und wartete auf das erste offizielle Treffen mit den Amerikanern. Kurz vor 9 Uhr tauchte ein Konvoi von Geländewagen auf und hielt vor dem Haupttor. Kamal Wahid stieg aus, ein Exil-Iraker, der für KBR arbeitet.

Im Kontrollraum stellte sich Wahid vor, begrüßte die Anwesenden mit Handschlag und dem im Irak üblichen Bruderkuss. Mit drei der Top-Manager verschwand er dann in einen Nebenraum. Eine Stunde später war sein Notizblock voll mit Anfragen und Beschwerden der Arbeiter: Dass die Station nach wie vor jede Nacht geplündert werde, trotz der Präsenz der US-Marines. Dass es keinen Bus gebe, der die Pendler von Basra aus zum Ölfeld bringe. Und vor allem, dass die Arbeiter sich Sorgen machten, ob und von wem sie bezahlt würden.

"Sehr, sehr wütend auf die Deutschen und Franzosen"

Während Husseini über das Firmengelände geht, zählt er die Namen mehrerer Firmen auf, die die Öltanks und Förderanlagen hier mitgebaut und beliefert haben. "Wenn diese Firmen jetzt zurückkommen und uns bei der Reparatur helfen würden, dann wären wir sehr froh", sagt er. Enttäuscht sei er darüber, wie sich die Deutschen und Franzosen zum Krieg gestellt hätten. "Deutsche und französische Technologie ist ausgezeichnet", sagt er. "Aber wir sind sehr, sehr wütend auf die Deutschen und Franzosen", sagt Husseini.

Auf den Ölfeldern westlich von Basra war es schon immer sehr schwierig, wichtige Bauteile zu bekommen. Ein Projektmanager von KBR für den Irak, Douglas Fletcher, berichtet, einige der Ölpumpen in den Feldern seien mit ihren Motoren über Riemen verbunden, wie sie auch die Soldaten benutzten, um ihre Hosen zusammen zu halten. "Und das Beste war: es funktionierte", sagt er "Die Jungs hier sind erfinderisch. Ich weiß nicht, ob wir da drauf gekommen wären."

Husseini spricht Englisch, er muss vermitteln zwischen den irakischen Ölmanagern und den KBR - Mitarbeitern. Etwa, wenn die Iraker Diagramme auf Papierschnipsel zeichnen, um den Amerikanern die Lage der Pipelines zu zeigen. So geht es zumindest tagsüber voran. Nachts dagegen werde weiter geplündert, schimpft Elektroingenieur Jawad Sadiq: "Was wir hier an einem Tag reparieren, ist am nächsten Tag wieder zerstört.

Mitarbeit Brigitte Baas

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