Kampf um das Panorama des Schlosses
Dem Mythos Neuschwanstein droht der Ausverkauf

Um den Erhalt des beliebten Postkarten-Panoramas tobt in Bayern ein heftiger Streit. Die Familie Thurn und Taxis will vor das Schloss ein großes Luxushotel mit Golfplatz und Wellness-Oase setzen. Die Gegner dieser Pläne laufen Sturm.

rtr NEUSCHWANSTEIN. Für japanische oder amerikanische Touristen ist es ein Höhepunkt auf jeder Bayern-Tour: Neuschwanstein, das weiße Märchenschloss von König Ludwig II. ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Freistaats und im In- und Ausland genauso bekannt wie Oktoberfest, Bier oder Lederhosen. Rund 1,3 Mill. Besucher reisen jedes Jahr in die Allgäuer Alpen, um das auf einem zerklüfteten Fels gelegene Schloss zu besichtigen. Doch um den Erhalt des beliebten Postkarten-Panoramas tobt ein heftiger Streit.

2003 sollen die ersten Bagger anrollen

Die Familie Thurn und Taxis will vor das Schloss ein großes Luxushotel mit Golfplatz und Wellness-Oase setzen. Während die CSU-geführte Gemeinde Schwangau wirtschaftliche Vorteile sieht, laufen SPD, Grüne, Denkmalschützer und Anwohner gegen die Pläne Sturm. "Es droht der Ausverkauf eines Mythos", sagt der Grünen-Landtagsabgeordnete Adi Sprinkart. Schon Anfang kommenden Jahres sollen die ersten Bagger anrollen. 2003 sollen gut betuchte Gäste ein Hotelzimmer mit exklusivem Blick auf das Schloss buchen können.

Baupläne werden schon seit fünf Jahren betrieben

Nach dem Willen des Bayern-Königs sollte das 1869 bis 1886 im Stil einer Ritterburg erbaute Schloss eigentlich "heilig und unnahbar" sein. Neuschwanstein war für Ludwig zugleich die Krönung seiner zahlreichen Schlossbauten und Fluchtburg aus der ihm verhassten Residenzstadt München. Das fünfstöckige Gebäude mit zahlreichen Türmen und Burgzinnen wurde bis zu seinem Tod am 13. Juni 1886 aber nicht ganz fertig. Im Thronsaal fehlte noch der Thron, als Ludwig wenige Tage vor seinem Tod wegen angeblicher Geisteskrankheit entmündigt wurde.

Bereits seit fünf Jahren betreibt die Familie Thurn und Taxis die Planungen für den Bau eines Luxus-Hotels auf dem Bullachberg. Auf dem der Familie gehörenden kleinen Hügel in der fast unbebauten Landschaft steht bereits ein Familienschloss.

Ursprünglich sollte dort ein Hotel mit 200 Zimmern entstehen. Nach massiven Protesten stimmte der Gemeinderat schließlich einer abgespeckten Version mit 50 Zimmern zu. "Es gibt in der Region kein Fünf-Sterne-Hotel, kein Steigenberger, nichts", sagt Projektleiter Felix-Maria Roehl. Alle Kritik weist er zurück: "Wir tasten Neuschwanstein doch gar nicht an." Das Hotel werde rund einen Kilometer entfernt gebaut.

Anwohner fürchten Bau-Spekulanten

Denkmalschützer befürchten aber eine Zerstörung der Landschaft rund um das Schloss durch das 100 Meter lange und 17 Meter hohe Hotel. "Die großartige Landschaftskulisse um Neuschwanstein wird privaten, wirtschaftlichen Interessen geopfert", kritisiert das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege.

Eine Bürgerinitiative von Anwohnern befürchtet einen Dammbruch. "Wenn erstmal das Hotel steht, wird die Gemeinde bei anderen Bau-Interessenten nicht Nein sagen können", sagt ihr Sprecher Paul Schmidt. Mit 50 Zimmern sei ein Luxushotel wirtschaftlich gar nicht tragbar, ergänzt der Abgeordnete Sprinkart. "Die Betreiber werden das Hotel und ihren Golfplatz erweitern wollen, wenn der Bau erst einmal steht." In der Region sind Hotelbetten knapp, seit im Nachbarort Füssen das Musical "Ludwig II - Sehnsucht nach dem Paradies" viele Menschen anlockt.

Schloss soll als Weltkulturerbe angemeldet werden

Die Hotelgegner sehen selbst aber nur noch wenig Chancen, das Projekt noch zu verhindern. Die Gemeinde Schwangau hatte den Bau im September genehmigt. Im November soll sich nun noch der Petitionsausschuss des Landtags einschalten. SPD und Grüne fordern, Neuschwanstein bei der Uno-Kulturorganisation Unesco als Weltkulturerbe anzumelden, um die Landschaft zu schützen. Das Kultusministerium der CSU-Landesregierung sieht dafür wenig Möglichkeiten. "Es stehen noch etwa 20 Anträge aus Deutschland zur Entscheidung an", sagt ein Ministeriumssprecher. Bayern werde erst in vielen Jahren bei der Unesco wieder einen Antrag stellen können. Die Hotel-Gegner befürchten, dass das zu spät ist.

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