Kampf um die Heimat-Front: Saddam nutzt US-Fehler aus

Kampf um die Heimat-Front
Saddam nutzt US-Fehler aus

In Friedenszeiten hält das Regime von Präsident Saddam Hussein die Iraker mit einem auf Bespitzelung, Abschreckung und Propaganda gestützten Regierungs- und Geheimdienstapparat in Schach. Seit Kriegsbeginn spielen die Funktionäre der Machthabers nun virtuos auf der Klaviatur religiöser und nationaler Gefühle ihrer Landsleute.

HB/dpa KAIRO. Mit Bildern getöteter Kinder, zerstörter US-Panzer und Aufrufen zum "Heiligen Krieg" zur Verteidigung muslimischen Bodens haben sie in den ersten Kriegstagen viele Iraker auf ihre Seite ziehen können. Dabei nutzen die Funktionäre der regierenden Baath Partei - jeden Strategiefehler der Amerikaner und Briten geschickt aus und setzen mit Erfolg auf den ausgeprägten Stolz der Iraker.

Bildern von irakischen Kriegsgefangenen, die vom Gegner respektlos herumgeschubst werden, stellen sie inszeniert anmutenden TV-Aufnahmen von eingeschüchterten US-Piloten entgegen, denen man bei Tee und Gebäck "irakische Gastfreundschaft" angedeihen lässt. Indem sie einfache Bauern und Angehörige der Saddam generell wenig wohlgesonnenen schiitischen Bevölkerungsmehrheit zu Helden des Widerstands hochstilisieren, die US-Kampfhubschrauber abschießen, todesmutig Militärposten angreifen und Panzer in Brand setzen, geben sie den Irakern das Gefühl, "das ganze Volk" kämpfe inzwischen gegen die Invasoren. Bilder von möglicherweise verlustreichen Kämpfen der regulären irakischen Armee werden dagegen unter Verschluss gehalten.

Ihren größten Fehler haben die Amerikaner nach Ansicht von Beobachtern in der Region aber bereits begangen, bevor die erste Rakete auf Bagdad fiel. "Das ganze Gerede über die Einsetzung einer amerikanischen Militärverwaltung nach dem Sturz von Saddam Hussein war ein tödlicher Fehler, denn kein Iraker wird so etwas jemals akzeptieren", meint Hazim el Jussufi, Sprecher der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), in Kairo.

Fehler mit der Exil-Opposition

Der zweite große Fehler sei es gewesen, die irakische Exil-Opposition an den Rand zu drängen. Dadurch, dass die Amerikaner bislang offen gelassen haben, ob sie ihr Ende Februar ernanntes Übergangskomitee für die Zeit nach dem Sturz des Regimes anerkennen wollen, haben sie bei den Oppositionsgruppen großes Misstrauen geweckt.

"Wenn die einfachen Mitglieder der Baath-Partei in Bagdad so etwas sehen, dann müssen die sich doch sagen: Wenn die Amerikaner schon mit der Opposition, von der sie Unterstützung wollen, so umspringen, was werden sie dann erst mit uns machen", meint El Jussufi. Er vermutet zudem, dass sich auch die Situation in der vorwiegend von Schiiten bewohnten südirakischen Stadt Basra hätte anders entwickeln können. Voraussetzung wäre nach seiner Meinung gewesen, dem Hohen Rat für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI) als wichtigste schiitische Opposition eine Rolle in Kriegs- und Nachkriegsplänen zuzuweisen, was Washington verweigert habe.

"Die Iraker müssen über ihre Zukunft alleine entscheiden ohne ein koloniales Mandat", hatte der SCIRI-Vorsitzende, Ayatollah Mohammed Bakr el Hakim, drei Wochen vor Kriegsbeginn erklärt. Gleichzeitig warnte er: "Die größte Gefahr ist die ausländischer Unterdrückung". Drei Monate zuvor hatten die SCIRI-Mitglieder dagegen noch ganz anders geklungen. Damals hatten sie Deutschland und Frankreich vorgeworfen, sie verhinderten mit ihrer Anti-Kriegs-Haltung den Regimewechsel in Bagdad, der wie eine Erlösung für das irakische Volk sein werde.

Nach Ansicht regimekritischer Iraker ist auch die militärische Strategie der Alliierten bislang nicht aufgegangen. "Sie haben den Schwerpunkt darauf gelegt, die Verluste in den eigenen Reihen und unter der Zivilbevölkerung möglichst gering zu halten und das haben sich die irakischen Kämpfer, die sich in die Städte zurückgezogen haben, geschickt zu Nutze gemacht", meint ein Exil-Iraker. Was er verstehen kann, ist der Zorn der Menschen im Südirak, die sagen, sie wollten nun doch an der Seite der verhassten Baath-Parteifunktionäre kämpfen, "um nicht künftig als Diener der Amerikaner im eigenen Land zu leben".

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