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Kampf um Dresden

Von ANDREAS RINKE Lieber Georg Meisner, Sie als alter Dresdner kennen mich nicht - noch nicht. Anlässlich der nötigen Nachwahl zum Bundestag in Ihrer Stadt sollte sich das aber unbedingt ändern.

Von ANDREAS RINKE

Lieber Georg Meisner,

Sie als alter Dresdner kennen mich nicht - noch nicht. Anlässlich der nötigen Nachwahl zum Bundestag in Ihrer Stadt sollte sich das aber unbedingt ändern. Und deshalb möchte ich Sie ganz herzlich zu einer Kaffeefahrt in unser schönes Lüchow-Dannenberg einladen. Bringen Sie ruhig noch zwei oder drei Freunde mit, sofern sie wahlberechtigt sind. Denn es ist mir - und meiner Partei - schon lange ein Herzensanliegen, gerade Ihnen näher zu kommen. Schon seit Jahren wollte ich mich stärker um Sie kümmern. Aber Sie kennen das sicher. Der Urlaub auf den Malediven, die Bundesliga, unsere kleine Villa und mein Hobby als Modellflieger - die Zeit verfliegt. Und schwups, schon sind 15 Jahre um.

Dennoch sollten Sie wissen, dass die deutsche Einheit für mich nie nur ein Lippenbekenntnis war. Sicher, auch ich hatte 1990 meine Zweifel. Wozu noch 16 Millionen Gastarbeiter? Aber letztlich bin ich auf den Zug der Geschichte noch aufgesprungen, als er gerade anfuhr. Und ich darf wohl sagen, dass mir das Wohl unserer Brüder und Schwestern in der Zone schon immer wichtig war. Deshalb bin ich bereits früher nach Ostberlin gefahren, um billig Klaviernoten einzukaufen - quasi zur Unterstützung des Werktätigen-Staates. Nach der Wende habe ich sogar mit einer jungen Leipzigerin getanzt, die zu Besuch in den Westen kam. Noch heute schwärme ich von den 5-Pfennig-Brötchen, wenn ich etwas getrunken habe. Und die Karat-Version von "Über sieben Brücken musst du gehen" habe ich immer besser gefunden als die Version von Peter Maffay.

Jawohl, anders als viele andere meiner Landsleute kann ich deshalb wohl für mich in Anspruch nehmen, dass ich den Osten kenne. In Gedanken gehöre ich zu Ihnen, ich weiß, wie Sie sich fühlen. Vielleicht freut es Sie deshalb, dass ich mir mit meiner Familie fest vorgenommen haben, künftig jeden achten Urlaub im Osten zu verbringen - als unseren kleinen bescheidenen Beitrag zum Wiederaufbau. Natürlich müssten vorher in der Zone noch die Toilettenspülungen auf Vordermann gebracht werden.

Und lassen Sie sich nicht beeindrucken, wenn in den kommenden Tagen überraschend mehrere Briefe und Einladungen aus dem Westen kommen sollten. Ich kann Sie nur warnen: Fallen Sie nicht auf jeden Wessi herein. Es gibt Stimmenfänger, die Sie in dieser heiklen politischen Lage gnadenlos ausbeuten wollen. Es gibt Parteien, die haben minutiös vorbereitet, bis zur Nachwahl am 2. Oktober jedem, ich wiederhole, JEDEM wahlberechtigten Dresdner die Hand zu schütteln. Und mal ehrlich: Was wollen Sie mit den ganzen Billig-Uhren und Staubsaugern, die Ihnen als Gegenleistung für Ihre Stimmabgabe versprochen werden?

Nein, wenden Sie sich an einen Freund, dem Sie vertrauen können. Falls Sie Sonderwünsche haben, lieber Rotkäppchen-Sekt statt Champagner trinken wollen - alles kein Problem. Und ich bin sicher, dass wir in Bayern oder Bremen bis zum 2. Oktober auch noch eine Ausbildungsstelle für Ihren Sohn und Ihre Nichte finden werden. Und ist Ihnen übrigens aufgefallen, dass in der zweiten Fußball-Bundesliga "1860 München" vergangenes Wochenende "Dynamo Dresden" hat gewinnen lassen? Nur ein Zufall?

Jedenfalls müssen wir als Volk wieder teilen lernen, beim Fußball wie bei der Stimmabgabe. Es lebe die gesamtdeutsche Solidarität, es lebe der Wahlkreis Dresden I!

Hochachtungsvoll,
Ihr Volksvertreter


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