Kampf um konservative Demokraten
Clinton schießt scharf – nicht nur auf Enten

So hatten wir Hillary Clinton noch gar nicht gekannt, als brave Kirchgängerin und Jägerin schon seit Kindheitstagen. Entschlossen nutzt die Ex-First-Lady Barack Obamas unsensible Worte über verbitterte Wähler, die sich mit "Guns and God" über den Verlust ihrer Jobs hinwegtrösteten.

DÜSSELDORF. "Mein Dad nahm mich manchmal mit in den Wald hinter der Hütte, die mein Großvater an dem kleinen See Winola gebaut hat. Dort hat er mir beigebracht, auf Enten zu schießen, als ich ein kleines Mädchen war," erzählt Hillary Clinton bei Wahlkampfauftritten in Pennsylvania und Indiana. Dort finden die nächsten Vorwahlen der Demokraten statt, und dort dominieren ältere weiße Wähler, die auf dem Land leben und unter dem Arbeitsplatzabbau leiden.

Das sind genau die Wähler, denen Barack Obama zuvor kräftig auf die Füße getreten war. Ausgerechnet bei einem Abstecher ins liberale San Francisco an der Westküste, das mental von Scranton, Pennsylvania, und den Enten über Lake Winola fast so weit weg ist wie Peking. Dort hatte Obama um Verständnis geworben, für die konservative Landbevölkerung, die für seine Botschaft so schwer zu erreichen sei: „Es ist nicht verwunderlich, dass sie verbittert sind. „Sie klammern sich an Waffen oder die Religion oder die Antipathie gegenüber Leuten, von denen sie abgelehnt werden, oder an Ressentiments gegen Einwanderer oder den freien Handel, um so ihre Frustrationen zum Ausdruck zu bringen."

Eine Steilvorlage für Clinton, die diese Bemerkungen seither als elitär, arrogant und besserwisserisch geißelt. Natürlich nutzt die frühere First-Lady, die im Rennen gegen Obama schon fast geschlagen schien, die Gelegenheit. Sie porträtiert sich selbst als Landpomeranze, die in der Bar einen Schuss Whiskey kippt, allein die Stimmung im Mittleren Westen versteht und die kleinen Leute vertritt. Auch wenn es ihrer bisherigen Haltung widerspricht, die eine stärkere Kontrolle des privaten Waffenbesitzes fordert und sie der Frage ausweichen muss, wann sie das letzte Mal in der Kirche war oder ein Jagdgewehr in der Hand hatte.

Doch dahinter verbirgt sich eine grundsätzliche Kontroverse. Welcher der beiden Demokraten ist eher in der Lage ist, den sozial-konservativen Flügel der Demokraten zu mobilisieren? Wer wirbt Republikaner ab, die mit John McCains relativ liberalen gesellschaftspolitischen Haltungen nicht einverstanden sind?

Nicht zufällig hatte McCain eine Debatte im kleinen christlichen Messias-College von Harrisburg abgesagt, während Clinton und Obama am Sonntagabend auf der Bühne ihre religiösen Grundhaltungen ausbreiteten - und natürlich den politischen Streit fortsetzen. Clinton schwelgte eher in Klischees, wenn sie ihren Glauben beschwört, aber polit-strategisch hat sie einen Punkt: Die Demokraten könnten es sich einfach nicht leisten, die konservativen Teile der Wählerschaft zu vergraulen, argumentierte sie. Diesen Fehler hätten Al Gore 2000 und John Kerry 2004 gemacht, und mit der Niederlage gegen George W. Bush bezahlt.

Obama dagegen fühlt sich auf der Bühne sehr viel wohler, wenn er aus seinen persönlichen Erfahrungen mit Gott berichtet. Doch seine Reaktion hört sich verzweifelt an, wenn er Clinton mit einer legendären Scharfschützin aus dem Wilden Westen vergleicht: "Sie redet, als ob sie Annie Oakley wäre. Hillary Clinton tönt herum, als ob sie jeden Sonntag ihre Knarre einpackt und auf Entenjagd geht. Wer soll ihr das abnehmen, das glaubt sie doch selbst nicht."

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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