Kampf um Marktanteile
Hintergrund: Zeitungen in Berlin

Der Berliner Zeitungsmarkt gilt als der härteste Deutschlands. Nicht nur kaufmännische, auch journalistische Träume platzten dort reihenweise.

Ein Sommerabend in Berlin an der Oranienburger Straße in Mitte, die voll besetzten Kneipentische ziehen sich wie ein buntes Band von der Friedrichstraße bis zu Hackeschen Höfen. "Haben Sie Interesse an einem kostenlosen Probeabonnement?" Die Werber der Tageszeitungen in der Haupstadt sind unterwegs. Auf dem härtesten Zeitungsmarkt der Republik suchen sie Lesehungrige. "Wer in Berlin seine Zeitung bezahlt, ist selber Schuld", heißt es von den Biertischen.

Die Bemühungen der Verlage von Axel Springer ("B.Z", "Bild", "Berliner Morgenpost", "Welt") über Gruner+Jahr ("Berliner Zeitung", "Berliner Kurier") bis zu Holtzbrinck ("Tagesspiegel") um die Leserschaft in der Hauptstadt machen seit Jahren immer wieder Schlagzeilen. Denn das nach der Wende von vielen vorausgesehene Presse-Dorado an der Spree entpuppte sich in den vergangenen Jahren als Fata Morgana.

Streng geteilt

Schon vor den für die Medienbetriebe einschneidenden Einbrüchen am Anzeigenmarkt infolge von Konjunkturkrise und dem 11. September war absehbar, dass viele hochfliegende Pläne zum Scheitern verurteilt sein würden. Die Verlage beschäftigte zum einen der weiterhin relativ streng geteilte Markt im Ost- und Westteil der Stadt. Ehemalige Ost-Blätter wie die "Berliner Zeitung" haben den Sprung über die imaginäre Mauer nur zum Teil geschafft, West-Erzeugnisse wie "Der Tagesspiegel" tun sich mit Lesern im Ost-Teil ebenso schwer. Bei geringen Pendelbewegungen stagnieren die Auflagen der insgesamt zehn täglich erscheinenden Blätter weitgehend oder gehen sogar zurück.

Neben dem kaufmännischen musste auch mancher journalistische Traum den Realitäten angepasst werden. Keiner Berliner Zeitung ist der Sprung aus der Hauptstadt in dem bundesweiten Markt so gut gelungen, wie es erhofft wurde. Entsprechend werden die Anstrengungen, Marktanteile zu sichern oder auszubauen, mit immer mehr Verve vorangetrieben.

Der Verkauf von "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" von Gruner+Jahr an den Holtzbrinck-Verlag ist nur der bislang spektakulärste, aber sicher nicht letzte Schritt in dieser Entwicklung. Zuvor hatte Springer die Redaktionen von "Morgenpost" und "Welt" fusioniert. Die FAZ stellt ihre mit zahlreichen Lorbeeren bedachten "Berliner Seiten" ein.

Angriff auf die Morgenpost

Dass Holtzbrinck sich nun den "Kurier" und die "Berliner Zeitung" sichert, werten Branchenkenner als Beginn eines möglichen Angriffs auf die "Berliner Morgenpost". In den vergangenen Jahren war deren Auflage kontinuierlich auf zuletzt 157 000 Exemplare gesunken. Der "Tagesspiegel" von Holtzbrinck verkauft rund 138 000 Exemplare, die "Berliner Zeitung" liegt bei 191 000.

Während der Boulevard-Markt weiterhin klar von der "B.Z." (244 000) dominiert wird, scheinen die Verlage in der Hauptstadt es nun mit dem Motto der Berliner Politiker zu halten: Gewonnen wird in der Mitte der Wähler- beziehungsweise der Leserschaft.

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