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Kampf um Talente - Consulting-Unternehmen balgen sich um den Nachwuchs

Die Beratungsfirmen reagieren spät auf die Herausforderung durch die Internet-Unternehmen, die ihnen die besten Mitarbeiter abspenstig machen.

Personalien von Consultants sorgen selten für Aufsehen. Diese schon: Gary Curtis, Senior Vice President, Director und Mitglied des Führungsteams bei The Boston Consulting Group, verlässt die US-Beratungsfirma. Der Top-Berater, der bei Boston Consulting die weltweite Verantwortung für das zukunftsträchtige Informationstechnologie-Geschäft getragen hat, wechselt in diesen Tagen zu der Risikokapitalgesellschaft von CMGI, einem der erfolgreichsten Konzerne der so genannten New Economy mit Mehrheitsbeteiligungen an über 70 Internet-Firmen.

Den Konkurrenten von Boston Consulting geht es nicht besser. Im Gegenteil. Allein schon wegen seiner Größe hat beispielsweise Andersen Consulting, mit über 65 000 Mitarbeitern ein Riese unter den Beratungsfirmen, noch mehr Abgänge von Spitzenleuten zu beklagen. Und dennoch war es eine Sensation, als letztes Jahr der damalige Chef von Andersen Consulting, George Shaheen, zu einem Startup-Unternehmen wechselte.

Der personelle Aderlass scheint seitdem noch stärker geworden zu sein. So entschied sich kürzlich Peter Fuchs, der die wichtige Strategic Services Practice von Andersen Consulting aufgebaut hat und für die Aktivitäten von rund 2 300 Strategieexperten verantwortlich war, für einen Chefposten bei der Softwarefirma Brain.com. Und Marketingexperte Rich Vanatsky, ebenfalls Mitglied der Strategic Services Practice, wechselt zur Beratungsfirma HSR B2B. Auch Gregory Boyer, der bei Andersen Consulting in den USA eine zentrale Rolle in der E-Business-Beratung spielte, bekam ein Angebot von der Konkurrenz - und konnte nicht widerstehen.

Bei allen namhaften Consultingfirmen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab, und nicht nur in den USA: Der Wettbewerb auf dem Personalmarkt habe sich auch in Deutschland verschärft, sagt Martin Köhler, Vice President bei Boston Consulting in München. Seit Mitte vergangenen Jahres sei die Fluktuationsrate von früher 12 bis 15 Prozent auf jetzt rund 20 Prozent des Personalbestands geklettert. Fachleute wie Otto Obermeier, Deutschland-Chef der Personalberatungsfirma Spencer Stuart, bestätigen, dass sich die Situation am Managerarbeitsmarkt dramatisch zugespitzt hat: "Die Nachfrage nach Topleuten ist stärker denn je", so der Headhunter gegenüber dem Handelsblatt.

Ins Fadenkreuz der Kopfjäger geraten jedoch nicht nur die Consultants. Auch Unternehmen, die in der New Economy eine wichtige Rolle spielen, verlieren permanent und immer häufiger ihr Spitzenpersonal. Beispiel Microsoft: Dort wechselte James Kinsella, der die Web-Site der Microsoft-Tochter MSNBC aufgebaut und zu einem Publikumserfolg gemacht hat, zum niederländischen Internet-Anbieter World Online International. Beispiel Cisco Systems: Michael Darby, vor kurzem noch Chef der Abteilung Unternehmensentwicklung bei diesem Internet-Ausrüster, geht zur Risikokapitalfirma Battery Ventures. Und auch Jim Orlando, ein ehemaliger Topmanager des Cisco-Konkurrenten Nortel Systems, wird die Reihen von Battery Ventures verstärken.

In letzter Zeit häufen sich auch Meldungen aus der Finanzdienstleistungsbranche, wo von der Abwanderung ganzer Managerteams die Rede ist, darunter die Investmentbank Dresdner Kleinwort Benson, die Anfang Mai zehn Spitzenleute an den US-Konkurrenten Bear Stearns verloren hat.

Die Chefs in den Großunternehmen sind mittlerweile alarmiert. Das zeigt eine vor wenigen Wochen veröffentlichte Umfrage der Personalberatungsfirma TMP Worldwide unter rund 100 US-Spitzenmanagern. 87 Prozent der Führungskräfte sind der Ansicht, dass sich die Situation auf dem Manager-Arbeitsmarkt zugespitzt hat, so TMP laut einer Pressemitteilung.

Nach dem Grund für den verschärften Wettbewerb um Toptalente befragt, waren sich die Chefs einig: Es seien die zahlreichen Gründungen von Internet-Unternehmen, so genannter Dotcoms, die zu Engpässen auf dem Personalmarkt führten, lautete die häufigste Aussage.

Ganz so neu, wie die zahlreichen Meldungen glauben machen, ist der Trend aber nicht. Bereits 1998 berichtete die Beratungsfirma McKinsey & Company in der hauseigenen Zeitschrift "Quarterly" von einer umfangreichen Studie mit dem Titel "The War For Talent" über die Personalnöte in amerikanischen Großunternehmen. Die Consultants hatten für die Studie nicht nur zahlreiche Konzerne unter die Lupe genommen, sondern auch Hunderte von Topmanagern befragt. Ergebnis: Drei Viertel der Führungskräfte waren zumindest der Ansicht, dass sie "bisweilen nicht ausreichend Spitzenpersonal" zur Verfügung hatten. Viele aber beklagten "chronische Personaldefizite", gerade auf der Vorstandsebene.

Ausführlich analysierten die Consultants die Gründe für den Personalengpass: Da sei zunächst die Hochkonjunktur in den Vereinigten Staaten, so die Autoren. Wichtiger noch als der Boom sei die Tatsache, dass die Wirtschaft komplexer geworden sei. Das erhöhe den Bedarf gerade nach exzellent ausgebildeten Managern mit folgendem Profil: Mehrsprachigkeit und Gespür fürs globale Geschäft, Erfahrung und Verständnis für die modernen Technologien, unternehmerisch begabt sowie in der Lage, Konzerne mit flachen Hierarchien und lose geknüpften Strukturen zu führen.

Einen weiteren Grund für den "War For Talent" machten die Consultants auf dem Kapitalmarkt aus. Dieser Markt sei "effizienter" geworden, hieß es in der Studie. Das wiederum führe zum Entstehen kleinerer und mittlerer Unternehmen, der so genannten Startups. Diese neu gegründeten Unternehmen suchten oft die gleichen Manager wie die Großunternehmen. Und schließlich machten die Autoren auch noch die "gestiegene Job-Mobilität" für den Kampf um Spitzenleute verantwortlich: "Vor zehn Jahren wechselte eine Führungskraft im Laufe ihrer Karriere ihren Arbeitgeber vielleicht ein oder zwei Mal. Nach Auskunft von 50 Personalberatern, die wir befragten, arbeitet ein Manager heute durchschnittlich in fünf Unternehmen, in zehn Jahren sind es vielleicht sieben", schrieben die Consultants.

Was die Autoren dieser Studie nicht erwähnten, war die Tatsache, dass es gerade Unternehmensberater sind, die dem gesuchten Typ des exzellent ausgebildeten, weltgewandten Managers oder des führungserfahrenen Technologieexperten entsprechen. Außerdem war es bislang relativ leicht, Consultants abzuwerben, denn die meisten Beratungsfirmen sind nicht an der Börse notiert. Sie zahlen zwar gut, konnten aber dennoch nicht annähernd dieselben Verdienstmöglichkeiten bieten wie die Dotcoms. Diese locken Spitzenkräfte mit attraktiven Aktienoptionen. Gelingt der Börsengang eines solchen Unternehmens, werden die angestellten Manager auf Grund ihrer Aktienoptionen zu Millionären.

Unerwähnt blieb auch eine neue Konkurrenz für die Beratungsfirmen, die so genannten Web-Integratoren. Kein Wunder, vor zwei Jahren gab es diese Internet-Spezialisten unter den Beratungsfirmen noch nicht oder sie betrieben noch ein anders ausgerichtetes Geschäft. Jetzt aber bieten diese neuen Wettbewerber ihren Kunden, zumeist traditionellen Großunternehmen, eine attraktive Mischung aus strategischer Beratung und Internet-Dienstleistungen. Es sind Unternehmen wie Nerve Wire, Sapient, Scient oder Thomas Group.

Ihre strategischen Köpfe rekrutieren die Web-Integratoren nahezu ausnahmslos unter den Topconsultants. So war der neu bestellte Chef von Nerve Wire, Kirk Arnold, bis vor kurzem noch beim Technologiekonzern Computer Sciences Corporation beschäftigt und dort verantwortlich für das weltweite Consultinggeschäft. Auch in Deutschland zeichnet sich dieser Trend ab: So wechselte Christoph Geier letztes Jahr von Boston Consulting zum Berliner Unternehmen Pixelpark, und der Leiter der Strategieberatung von Pixelpark, Thomas Mörsdorf, war Berater bei der Consultingfirma Arthur D. Little.

Reichlich spät reagieren die Chefs der Beratungsunternehmen auf die Abwanderungswelle. Vor wenigen Wochen gab Joe Forehand, Nachfolger von George Shaheen an der Spitze von Andersen Consulting, bekannt, dass "Leistungsträger und langjährige Mitarbeiter" Prämien in Form von Fondsanteilen erhalten. Insgesamt 100 Millionen US-Dollar lässt sich Forehand die Aktion kosten. Außerdem verbessert Forehand die Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Firma. 1 000 Andersen-Consultants werden dieses Jahr neu zu gewinnbeteiligten Partnern ernannt. Die Zahl der Partner verdoppelt sich dadurch.

Bei Boston Consulting habe man "das Gehaltssystem flexibilisiert" und lasse die Mitarbeiter am Wertzuwachs der firmeneigenen Unternehmensbeteiligungen partizipieren, so Martin Köhler gegenüber dem Handelsblatt. Auch bei McKinsey & Company kommen die Consultants in den Genuss von Ausschüttungen eines firmeneigenen Pools an Unternehmensbeteiligungen. Weitere Maßnahmen seien in Planung, so die Auskunft des Düsseldorfer Büros der Beratungsfirma.

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