Kampfschrift von Karl Lauterbach
Von Chipsletten, Migranten und Armutsrentnern

Der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach ist eine schillernde Figur, selbst im Berliner Polit-Zirkus. Mit seinem Buch "Der Zweiklassenstaat" schreckt der 44-jährige SPD-Politiker nun die eigenen Genossen auf. Intelligent, provokant - aber auch einseitig.

BERLIN. Die Katze lässt das Mausen nicht. Seit seinem Einstieg in die praktische Politik als SPD-Bundestagsabgeordneter profiliert sich der studierte Gesundheitsökonom Karl Lauterbach ( 44) als Enfant terrible im Politikbetrieb. Fraktionsdisziplin und Parteibeschlüsse scheren ihn wenig, wenn es ihm um seine persönliche Sicht der Dinge geht. Der Gesundheitsreform versuchte er zuerst seinen Stempel aufzudrücken. Als dies nicht gelang, stimmte er im Bundestag dagegen. Jetzt lehrt er seine Parteigenossen auf neue Art das Fürchten: Sein Buch "Der Zweiklassenstaat, wie die Privilegierten Deutschland ruinieren" (Rowohlt Verlag, Berlin) ist eine intelligente, aber auch sehr suggestiv und einseitig formulierte Kampfschrift. Und sie ist vor allem an seine Partei gerichtet. Die SPD will Lauterbach verändern und mit ihrer Hilfe in der Mitte der Gesellschaft Wählermehrheiten für eine andere gerechtere Sozial- und Bildungspolitik generieren.

Wer ihm gestern zuhörte, als er sein Buch präsentierte, erlebte einen ungewohnt aufgeräumten Karl Lauterbach. Ohne die gewohnte Fliege, die ihn immer etwas wie einen eitlen Musterschüler aussehen lässt, bot er das Bild eines Mannes, der sich mit seiner Außenseiterrolle im Politikbetrieb abgefunden hat, aber trotzdem nicht aufgeben will, ihn zu verändern. Zutiefst ungerecht sei der deutsche Staat, weil sein ineffizientes Bildungssystem Kindern aus armen und Migrantenfamilien Zugang zu höherer Bildung verweigere, er sie im späteren Leben als Kassenpatienten schlechter medizinisch versorge und sie im Alter, weil sie früher sterben müssten, um einen großen Teil ihrer Rente betrüge - so lassen sich seine Thesen zusammenfassen.

Diese strukturelle Ungerechtigkeit wird sich rächen, weiß er. Denn noch profitiere die Wirtschaft von den besonders gut gebildeten Babyboomern. Doch schon bald würden diese "die größte Rentner- und Krankenkohorte Europas sein". Ihnen folge eine dann aktive Generation, die durch die geschrumpfte Geburtenrate dezimiert sei und nur ein Viertel der Talente der heute Aktiven aufweise: Ade Exportweltmeister Deutschland.

Doch das erregt Lauterbach weniger als was der Zweiklassenstaat nach seiner Ansicht schon heute mit Menschen macht. Beispielhaft prangert er den verächtlichen Umgang mancher Ärzte mit Kassenpatienten an. Er beruft sich dabei auf ein Internetforum der Fachärzte, in dem Patienten wegen ihre Kasssenkarte schon mal abschätzig als lästige "Chiplsletten" charakterisiert werden. Eines der Zitate musste auf richterliche Anordnung geschwärzt werden. Dem Erfolg des Buchs wird es nicht schaden. Lauterbach auch nicht. Sein Einfluss in der Partei hängt schon längst von seiner medialen Präsenz ab. Und die bleibt ihm sicher.

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