Kanadisches Verkehrsunternehmen will Daimler-Chrysler-Tochter übernehmen
EU-Kommission soll Adtranz-Übernahme absegnen

Der kanadische Bombardier-Konzern erwartet eine positive Entscheidung der Brüsseler EU-Kommission zur Übernahme der Daimler-Chrysler-Bahntechnik-Tochter Adtranz bis spätestens April 2001. "Wir sind zuversichtlich, dass der reguläre Prüfungprozess des Mergers zu einem positiven Abschluss führen und die Transaktion im ersten Quartal des am 1. Februar beginnenden Geschäftsjahres 2001/2002 abgeschlossen wird", sagte Bombardier-Chef Robert E. Brown in Montreal zum Beschluss der Brüsseler Wettbewerbshüter, in eine zweite Phase der Prüfung einzutreten.

adx BERLIN. Wegen ernster Bedenken auf zahlreichen Märkten gegen den Zusammenschluss vom Bombardier Transportation und Adtranz zum mit Abstand weltgrößten Bahntechnik-Unternehmen hatte die EU-Kommission nach ersten Prüfungen am Mittwoch eine eingehendere Untersuchung beschlossen.

Ursprünglich war für den 6. Dezember mit einem positiven Entscheid zu dem am 20. Oktober in Brüssel angemeldeten Fusionsvorhaben gerechnet worden. Daimler-Chrysler will seine seit einigen Jahren defizitäre Tochter Adtranz für rund 1,6 Mrd. Mark an den kanadischen Verkehrstechnik-Konzern verkaufen, wie Anfang August mitgeteilt wurde. Auf der Bahntechnik-Leitmesse "Innotrans 2000" hatte sich Bombardier-Bahntechnik-Chef Jean Yves Leblanc noch zuversichtlich gezeigt, dass es keine größeren Auflagen aus Brüssel geben werde. Schlimmstenfalls dauere es nach der Anmeldung noch bis zu vier Monate bis zum Vollzug, sagte Leblanc. Bis zur Genehmigung arbeiteten beide Unternehmen weiter wie bisher.

Leblanc ist allerdings seit dem Tag der EU-Entscheidung nicht mehr für das operative Geschäft bei Bombardier Transportation verantwortlich, sondern Chairman für die weltweiten Behörden- und Kundenkontakte des Gesamtkonzerns. Im Zuge von personellen Veränderungen an der Bombardier-Spitze wurde der bisherige Konzern-Finanzchef Pierre Lortie sein Nachfolger. "Die effiziente Integration von Bombardier Transportation und Adtranz zu einer neuen Organisation wird möglicherweise zahlreiche komplexe Herausforderungen bringen", hieß es dazu bei Bombardier.

Vorwürfe der Betriebsräte

Die IG Metall, der Gesamtbetriebsrat der Bombardier-Tochter DWA und der Betriebsrat von Adtranz in Hennigsdorf bei Berlin warfen dem Management vom Bombardier und Daimler-Chrysler indessen vor, die kartellrechtlichen Folgen einer Adtranz-Übernahme auf europäischer Ebene unterschätzt zu haben. Die Verantwortlichen beider Unternehmen hätten dem "Prüfungsverfahren der EU-Kartellbehörde zu blauäugig entgegen gesehen", erklärten die Arbeitnehmervertreter am Donnerstag in Berlin. Die jetzige Situation werde die Probleme in den Unternehmen noch verschärfen. "Die Kunden sind bereits verunsichert, die Wettbewerber reiben sich die Hände. Wichtige Führungs- und Fachkräfte verlassen Bombardier und Adtranz. In weiten Teilen der Belegschaft wächst Demotivation", betonten sie.

Der scheidende Adtranz-Chef Rolf Eckrodt, der zum 1. Januar in die Führungspitze des japanischen DaimlerChrysler-Autopartners Mitsubishi wechselt, war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Konzernsprecher Han Tjan sprach von "business as usual" bei Adtranz. Die zweite Phase einer EU-Prüfung sei keine außergewöhnliche Sache. Es werde weiter erfolgreich daraufhin hingearbeitet, dass Adtranz 2000 wieder eine "schwarze Null" schreibe. Den Wechsel an der Bombardier-Spitze wollte Han Tjan nicht bewerten. Es sei aber wohl eine normale geschäftliche Entscheidung, die zufällig zeitlich mit dem EU-Entscheid zusammenfalle und damit nicht in Zusammenhang stehe.

Sanierungsprogramm bei Adtranz läuft weiter

Für Adtranz hat sich damit laut Han Tjan nichts geändert. Die Arbeit und auch der Restrukturierungsprozess des Unternehmens liefen weiter. Adtranz hatte vor einem Jahr ein verschärftes Sanierungsprogramm eingeleitet. Mit der Konzentration auf die Bahntechnik sollen bis Ende 2002 weltweit sechs Adtranz-Werke geschlossen und weitere 3.000 der damals noch 24.000 Mitarbeiter abgebaut werden. Ziel sind Kosteneinsparungen von jährlich 300 Mill. Euro. Als Folge wird so nach bisherigen Angaben Ende Dezember das Adtranz-Werk Nürnberg mit bisher 480 Mitarbeitern schließen. Lediglich 250 von ihnen sollen dort weiter in der Produktion von Straßenbahnen und im Service verbleiben.

Unabhängig von eventuellen EU-Auflagen bei einer Übernahme befürchten sowohl viele Beschäftigte von Adtranz, das derzeit weltweit noch 22.000 Mitarbeiten zählt, als auch Gewerkschafter und Wirtschaftspolitiker der Region Berlin-Brandenburg weiteren Standort- und Personalbbau. Denn national und international gibt es zahlreiche Produktüberschneidungen mit Werken von Bombardier. Die Zahl der gefährdeten Arbeitsplätze schwankt nach jüngsten Angaben zwischen 3.000 bei Adtranz in Hennigsdorf und deren Zulieferunternehmen bis zu insgesamt 7.000. Denn auch die Bombardier-Tochter DWA, Berlin, hatte schon vor den Fusionsplänen ihrerseits den Abbau von über 1 100 Arbeitsplätzen bis Ende 2000 auf dann rund 4 000 angekündigt.

Für Adtranz-Betriebsratchef Michael Wobst ist "eins sicher: Übernahmen haben immer Jobs und ganze Werke in ihrer Existenz gefährdet." Angesichts der Unsicherheit auch bei den Kunden über den Verkauf von Adtranz falle es dem Unternehmen auch immer schwerer, Aufträge an Land zu ziehen, sagte er in einem Presseinterview. Damit die Hängepartie für Adtranz und die Beschäftigten nicht bis Frühjahr so weiter geht, forderten die Chefs des IG-Metall-Landesbezirks Brandenburg-Sachsen, Hasso Düvel, und der Gesamtbetriebsräte von Bombardier/DWA und Adtranz, Jürgen Conrad und Michael Wobst, am Donnerstag umfassende Information und Beteiligung nach deutschem Mitbestimmungsrecht bei der Fusion. Die Betriebsbräte kündigten zudem an, "ihre Rechte im Rahmen der Kartellgesetzgebung wahrzunehmen und selbst in Brüssel vorstellig zu werden".

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