Kandidaten-Duelle
Kandidaten-Duelle sind bloße Inszenierungen

Es reicht, bevor es richtig angefangen hat. Seit gestern inszeniert die "Bild"- Zeitung den Showdown im Wahlkampf. Als willfährige Schauspieler haben sich der Kanzler und sein Herausforderer für diese Inszenierung zur Verfügung gestellt. Dass unser Land Lösungen und keine Inszenierungen braucht, ist ihnen offenbar egal.

Stattdessen lieferten sich die beiden einen munteren "Schlagabtausch" in der Redaktionsstube, wie Regisseur und "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann im Anschluss selbstzufrieden feststellte. Am liebsten hätte er wie der Schiedsrichter beim Boxkampf noch den Arm einer der beiden Kämpfer gehoben und einen Sieger ausgerufen.

Wer nach "Bild" tatsächlich noch Fragen hat, muss Fernsehen gucken. Da kann er sich dann selbst ein Bild machen, sagen die TV-Macher. Von wegen! Wie das Bild aussehen wird, ist auf die Sekunde genau festgelegt : Stoiber favorisiert das 90-60-30-Modell der Amerikaner. 90 Sekunden antwortet Kandidat A auf die Frage des Moderators. 60 Sekunden hat Kandidat B Zeit zum Reagieren. Und 30 Sekunden bleiben Kandidat A für eine angemessene Replik. Fehlt nur noch der Ted, mit dem die Zuschauer dann über Sieg oder Niederlage abstimmen können. Schröder ist nicht ganz so pingelig. Der Medienkanzler vertraut auf seine Schlagfertigkeit und sucht das direkte Zwiegespräch. Pro Thema eine Runde, drei Minuten, Schlag auf Schlag, und am Ende ist der Gegner k.o. Dem dritten im Bunde, Guido Westerwelle, ist das System gleichgültig. Dabei sein ist für ihn alles. Er weiß: Außer gegen Möllemann kann er gar nicht verlieren.

Damit erfüllt er das Hauptkriterium der Mediendemokratie. Was sie braucht, sind Archetypen. Nur klare Botschaften kommen an. Bloß kein "Ja, aber" in die Mikrofone nuscheln. Je mehr Leisetreter vor der Mattscheibe sitzen, desto mehr sind im Studio die Siegertypen gefragt: Solche wie Michael Schumacher: Startschuss, Vollgas, Sieg. Wenn die Wirklichkeit Tag für Tag die gleiche ist, muss die Fiktion Durchbrüche vermitteln. Dass sie reine Erfindungen einer Medienwirklichkeit bleiben, stört offenbar die wenigsten. Die Einsicht, dass Siege und Niederlagen die vielschichtige Wirklichkeit nicht wiedergeben, passt nicht ins Bild. Wer darüber öffentlich redet, gefährdet Auflage und Einschaltquote.

Auch Schröder, Stoiber und Co. stört die Wirklichkeit nicht. Sie sind längst nicht mehr Herr ihrer Entscheidungen. Sie sind Getriebene. Anstatt Demokratie zu gestalten, hecheln sie den Normen der Mediendemokratie hinterher. Dass sich Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit nicht ins 90-60-30-Muster pressen lassen, würde Stoiber niemals zugeben. Und dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein Thema für K.-o.-Runden ist, käme Schröder nicht über die Lippen. Für ein bis zwei Prozent Stimmenzuwachs machen der Kanzler und sein Herausforderer jeden Unsinn mit. Und so viel immerhin, sagen die Wahlforscher, könnte der erreichen, für den es beim High Noon gut läuft.

Wer wirklich wissen will, wie es weitergeht, guckt in die Röhre. Und das nicht nur in Wahlkampfzeiten. Egal, ob Schröder oder Stoiber - gegen die Gesetze der Medienwelt halten sich unsere Politiker für machtlos. Dass es dort häufiger um Trachtenanzüge und getöntes Haar als um Politik geht, quittieren sie mit einem Schulterzucken.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%