Kanonenkugeln mit der eigenen Kanone abschiessen
Moskau bietet Washington Dialog zur Raketenabwehr an

Irgendwie kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass die Amerikaner die Idee für ihre "National Missile Defence" (NMD) vom Lügenbaron Münchhausen übernommen haben. Der Baron hätte bei der Belagerung von Gibraltar die auf ihn fliegenden Kanonenkugeln mit seiner eigenen Kanone abgeschossen. Heute spricht man von der Möglichkeit, eine Gewehrkugel mit einer anderen zu treffen. An diese Möglichkeit glaubte Präsident Ronald Reagan, der mit seiner "strategischen Verteidigungsinitiative" (SDI) sowjetische Generäle in Schrecken versetzte.

Seinerzeit beteiligte ich mich an der Vorberatung unserer Delegation auf das sowjetisch-amerikanische Gipfeltreffen in Reykjavik und erlaubte mir die Bemerkung, Reagan würde mit seinen "Sternenkriegen" kaum etwas erreichen. Marschall Achromejew, Militärberater von Präsident Michail Gorbatschow, zischte mir zu: "Dilettant!" Später mussten die Amerikaner jedoch einräumen, dass SDI ein Bluff war.

Die heutige Neuauflage der SDI ist betont bescheiden gehalten. Während Reagan die Nuklearwaffen noch "wirkungslos" machen wollte, wird jetzt versprochen, einzelne Raketen aus den so genannten Problemländern - Nordkorea, Iran, Irak - abzufangen. Aber auch diese Aufgabe ist technisch nicht vollständig gelöst. Die ersten Tests waren ein Misserfolg. Es mangelt nicht an kritischen Sachverständigen, die voraussagen, dass aus dem NMD-Vorhaben nichts herauskommen wird, insbesondere wenn man relativ leichte und kostengünstige Gegenmaßnahmen wie etwa Attrappengefechtsköpfe, elektromagnetische Impulse und andere schlaue Fallen berücksichtigt.

In der vornuklearen Zeit galt eine Luftabwehr als effizient, wenn sie 20 bis 30 Prozent der Bomber abschoss. Im Nuklearzeitalter ist die Situation anders. Eine einzige Rakete, die das Raketenabwehrsystem überwindet, vernichtet das Ziel vollständig. NMD müsste also einen hundertprozentigen Schutz sichern, um effizient zu sein.

Von den "Problemstaaten" geht für Amerika keine Nukleargefahr aus. Ich höre schon Widerrede: "Noch gibt es keine?" Ganz gleich wie das Regime in diesen Ländern eingeschätzt wird, hat es keinen Sinn, die Machthaber als Selbstmörder zu betrachten, da die amerikanische Vergeltung ja unabwendbar käme. Entscheidend ist vor allem, dass es weniger aufwendige Instrumente gibt, die allgemeine Sicherheit zu gewährleisten. Nordkorea steht für die Verhandlungen bereit. Iran evolutioniert in Richtung Demokratie, was selbst in Washington anerkannt wird. Im Irak kontrollieren US-Flieger den Luftraum und beobachten, was auf dem Boden geschieht.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld rechnete auch Russland zu den Gefahrquellen, weil die Raketentechnologien aus Russland angeblich in andere Länder gelangen könnten. Russland tritt jedoch für die Nichtweitergabe der Raketentechnologien ein.

Das US-Raketenprojekt bedroht Russland nicht direkt

Warum wird denn NMD so umfassend und eifrig diskutiert? Wie Russland und die USA in den gemeinsamen Erklärungen wiederholt betont haben, sei der Vertrag über die Begrenzung der Raketenabwehr, der ABM-Vertrag von 1972, "ein Eckstein der strategischen Stabilität". Heute wird der Eckstein zum Stein des Anstoßes. Das US-Raketenprojekt bedroht Russland nicht direkt, da es nur einige Raketen abfangen kann, während die Raketen Russlands für mehrere Salven reichen. Sollten die USA - der Appetit kommt ja beim Essen - die Anzahl ihrer Abfangraketen vergrößern, würde das in Moskau bis zu bestimmten Grenzen kaum Besorgnis auslösen, da Russland über "asymmetrische" Erwiderungsvarianten verfügt.

Worüber sich Russland Sorgen macht, ist die mögliche Störung der Kräftebilanz in der Welt. Bedroht fühlen kann sich auch China, das in seinem Nukleararsenal nur wenige Raketen hat. Gegenmaßnahmen können sich gerade auch jene Länder überlegen, von denen für die USA vermeintliche Bedrohung ausgeht. Die internationale strategische Stabilität kann schnell in eine gefährliche Turbulenz, eine neue Eskalation der Nuklearrüstungen umschlagen. Deshalb fordern so viele unterschiedliche Länder, den ABM-Vertrag von 1972 zu erhalten.

Russland schlägt vor, diesbezüglich einen Dialog aufzunehmen. Dies wurde jedoch in Washington als Anerkennung der Rechtmäßigkeit der vorgeschobenen Befürchtungen interpretiert, dass von diesen "Problemländern" eine Raketen- und Nuklearwaffengefahr ausgeht. Russland schlägt aber vielmehr vor, im Dialog zu klären, ob es für die besagten Befürchtungen hieb- und stichfeste Gründe gibt.

Wenn dies der Fall wäre, müssten als zweiter Tagesordnungspunkt diplomatische und politische Maßnahmen zur Verhinderung der gefährlichen Entwicklungen zur Sprache gebracht werden. Wenn sich auch diese als unzureichend erweisen, dann wird man radikale Maßnahmen besprechen müssen.

Da diesen Vorschlägen einfach gesunder Verstand zu Grunde liegt, besteht die Hoffnung, dass nicht nur die USA, sondern auch der Westen insgesamt sie aufmerksam prüfen werden. Die Zustimmung zu solchen Verhandlungen bedeutet schließlich keinen Verzicht auf das NMD-Projekt, dass derzeit nur in großen Zügen festgelegt ist.

Washington lehnt übrigens die "Konsultationen" erfreulicherweise auch nicht ab, obwohl, wie die "New York Times" schrieb, "die Bush-Administration eine diplomatische Strategie noch nicht erarbeitet hat, die ihren Plan zur Verteidigung vor den ballistischen Raketen begleiten würde". Die russischen Vorschläge können vor diesem Hintergrund dienlich sein. Moskau hat seinen Zug gemacht. Der Ball ist jetzt auf der anderen Seite des Feldes.

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