Kanzler als Anhalter
„Große Koalition“ im WM-Flieger bahnt sich an

Falls notwendig, könnte am Sonntag problemlos auch von der Ehrentribüne des Stadions in Yokohama Deutschland regiert werden. Das halbe Kabinett, Bundespräsident Johannes Rau, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse werden in in Japan versammelt sein, um die Überraschungstruppe von Rudi Völler anzufeuern.

dpa BERLIN. Und auf dem Rückflug der deutschen Mannschaft nach Berlin könnte es sogar – wenige Wochen vor der Bundestagswahl – zu einer vorgezogenen "Großen Koalition" kommen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und seine Frau Doris sollen zusammen mit dem CDU/CSU-Herausforderer Edmund Stoiber im WM-Flieger sein, der die Spieler nach – so oder so – erfolgreicher Meisterschaft wieder nach Hause bringt. So lautete jedenfalls die noch nicht ganz offizielle Reiseplanung am Donnerstag.

Der Kanzler jettet per Sparticket an Bord der Maschine seines japanischen Amtskollegen Junichiro Koizumi vom Weltwirtschaftsgipfel in Kanada aus in Richtung Japan, um schon frühzeitig wenigstens in der Nähe der Nationalelf zu sein. Der Bundestagspräsident will ebenso pünktlich zum Anpfiff mit einem Regierungsflieger von Berlin aus in der japanischen Hafenstadt eintreffen. Der Bundespräsident hält sich bereits im Rahmen einer offiziellen Reise in der Region auf.

Mit an Bord der von "Sportminister" Otto Schily zur Verfügung gestellten Airbus-Maschine aus Berlin sind neben vielen Politikern und verdienten Sportfunktionären auch einige Fußball-Größen vergangener Tage. Uwe Seeler etwa, der es zwar nie zum Weltmeister, aber immerhin zum Duzfreund Gerhard Schröders gebracht hat. Mit dabei sein sollen auch Georg "Katsche" Schwarzenbeck, Mitglied des Weltmeisterteams von 1974, und der Lauterer Horst Eckel, einer der noch überlebenden "Helden von Bern" von 1954.

Die Oppositionsplätze werden in dem WM-Flieger eher spärlich besetzt sein. Von der Prominenz hat sich nur Ex-FDP-Außenminister Klaus Kinkel angesagt, in seiner jetzigen Rolle als sportpolitischer Sprecher der Liberalen. CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz gab dem Kanzler ebenso wie andere Unionsgrößen einen Korb.

Edmund Stoiber will zwar entgegen seiner ursprünglichen Absicht nun doch nach Yokohama fliegen. Die angebotene Mitflugmöglichkeit mit den SPD-Größen schlug der Kanzler-Herausforderer aus, weil er am Samstag noch einen CSU-Wahlparteitag in Fürth absolvieren muss. Er nahm dagegen die Offerte des DFB an, in einer vom Verband gecharterten Maschine zum Endspielort zu fliegen.

Auf der Stadion-Tribüne in Yokohama wird es wahrscheinlich keine Bilder vom innigen Austausch vieler Freundlichkeiten zwischen Kanzler und Herausforderer geben. Stoiber und Schröder – so die Berliner-Münchner-Reiseregie – werden auf der Ehrentribüne in Yokohama nicht Seite an Seite sitzen.

Die Zurückhaltung der Berliner Opposition, von der Mitreisemöglichkeit Gebrauch zu machen, hängt möglicherweise damit zusammen, dass bereits eine Diskussion über die Kosten des WM-Ausflugs ausgebrochen ist. Schröder kann dabei auf die Praxis seines Vorgängers verweisen. Bei der WM in den USA 1994 schwebte Kohl mit dem Luftwaffen-Airbus und großem Gefolge bereits vor dem deutschen Eröffnungsspiel gegen Bolivien ein. Der Fußball-Fan aus Oggersheim übernachtete sogar im deutschen Trainingscamp und verteilte neben vielen guten Ratschlägen auch ein Fritz-Walter-Album an die dann im Turnier nicht so erfolgreichen "Berti-Jungs".

Die PDS mochte jedenfalls nichts Anstößiges daran entdecken, dass nun auch von Rot-Grün eine Luftwaffen-Maschine auf Kosten der Steuerzahler für das WM-Finale in Beschlag genommen wird. Dies sei ein erster Schritt zu der von ihrer Partei schon immer geforderten Umwidmung der Bundeswehr zu rein zivilen Zwecken, freute sich die abrüstungspolitische Sprecherin der PDS-Fraktion, Heidi Lippmann.

"Damit unsere Jungs unseren neuen Nationalhelden im Endspiel zujubeln können, sollten keine Kosten und Mittel gescheut werden". Der offizielle Vertreter der PDS-Fraktion, Roland Claus, geht aber davon aus, dass er seinen Platz im Flugzeug privat bezahlt.

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