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Kanzler im Pool

Was Jugendliche immer schon über Politik wissen wollten.

Als Odysseus sich mit Polyphem anlegte, wurde er vom blinden Riesen in einen Schafstall gesperrt und entkam erst, als er sich unter den Leithammel klammerte. Polyphem gab dem Tier einen Klaps, und der Hammel sprang ins Freie: der berühmte Hammelsprung eben.

Bernd Schroeder erzählt die alte Geschichte in einem Jugendbuch, das erklären will, wie Politik gemacht wird. Also auch, dass der Hammelsprung nicht so heißt, um damit abstimmende Volksvertreter zu charakterisieren, sondern weil auf einer Tür im alten Berliner Reichstag die Odysseus-Szene abgebildet war. Gewusst?

Wie Schroeder versuchen sich noch 26 andere namhafte Autoren an einer Art Demokratie-Gebrauchsanleitung für junge Staatsbürger. Der Kanzler wohnt natürlich nicht im Swimmingpool, bloß stellen sich viele Kinder das Amt eben mit Villa und Pool vor. Die Mitherausgeberschaft von Doris Schröder-Köpf hat der Publikation von Anfang an viel Aufmerksamkeit gesichert, und so kann das Buch beginnen mit dem Satz: "Als mein Mann zum Bundeskanzler gewählt wurde."

Außer um Kanzlermänner und Hammelsprünge geht es auch um schwierige Fragen: Parlament und Präsident, Grundgesetz und Wahlen, Kabinett und Koalition. Die Beiträge fallen erfreulich verschieden aus und überraschend. Dem Kabarettisten Matthias Beltz hätte man so viel unironische Sachlichkeit zum Thema Gewaltenteilung nicht zugetraut, der Schriftstellerin Elke Heidenreich nicht einen so dürren Text über das Kabinett. Der Journalist Werner A. Perger erklärt Parlamentsarbeit in Sachbuchmanier, während Stefan Welzk und Corinna Zerbe den Finanzminister in einen Science-Fiction-Text packen. Für junge Leser formuliert der ARD-Journalist Sven Kuntze den antifeudalen Aufbruch der Bürger so: "Sie zettelten Revolten an, rauften jahrelang mit den alten Herrschaften und gewannen schließlich die Oberhand."

Viele Erwachsene sehen gern TV-Kindernachrichten, weil diese zu verstehen sind. Ein ähnliches Schicksal könnte diesem Buch auch drohen. Der Zwang zur Erklärung führt zu heilsamen Verfremdungen. Thomas Gottschalk beschreibt den Bundespräsidenten als "Person, die nicht so viel zu melden hat, aber dafür ein bisschen Show machen darf". Arnulf Rating erzählt von Bandenbildung und Koalitionen, Kompromiss und Kompromist, der Politologe Claus Leggewie definiert Öffentlichkeit als "Ort, an dem man vorzugsweise über solche Dinge redet, die alle angehen". Manchmal geraten die Bilder erhellend direkt. Der "Bundeshäuptling" auf Auslandsreisen, so Ulrike Posche, müsse "praktisch als Obstverkäufer da hin und Reklame machen für seine Firma , für Deutschland". Kann man so sehen.

Buchtipp:
Doris Schröder-Köpf, Ingke Bredersen: Der Kanzler wohnt im Swimmingpool oder Wie Politik gemacht wird. Campus, Frankf./M. 2001, 220 S., 38,90 DM

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