Kanzlerkandidatendebatte
Vom Nutzwert des Machtworts

Ein Machtwort sprechen - diese Fähigkeit ist Führungspersönlichkeiten vorbehalten, etwa der Bundeskanzlerin Angela Merkel oder dem Vorsitzenden der SPD, Kurt Beck. Beck verlangte zuletzt von seiner Partei Schweigen bezüglich der Frage nach einer Kanzlerkandidatur, stieß dabei aber auf überraschend viele taube Ohren.

BERLIN. Kurt Becks Verständnis für Bundeskanzlerin Angela Merkel dürfte in diesen Wochen enorm wachsen. Immer wieder verlangte er von Merkel in ihrer Eigenschaft als CDU-Vorsitzende ein Machtwort, auf dass Querschüsse aus den Unionsreihen gegen die Regierungspolitik verstummen mögen - zum Beispiel im Streit über den richtigen Zeitpunkt für Steuersenkungen. Seit zwei Wochen versucht sich der SPD-Chef nun selbst daran, eine öffentliche Debatte in den eigenen Reihen zu ersticken: Über die Kanzlerkandidatenfrage werde er "entscheiden, wenn die Zeit gekommen ist", jedenfalls nicht jetzt. Wer die K-Frage zu früh beantworte, werde nur verschlissen, sagte er in jedes Sommerinterview-Mikrofon.

Das Machtwort wirkt - nur in der zweiten Reihe. Becks Noch-Stellvertreterin Elke Ferner hält sich daran, und auch der Wirtschaftspolitiker Rainer Wend. "Ich vertrete die Linie Becks, dass der Zeitpunkt noch nicht gekommen ist, und dass dann, wenn der Zeitpunkt da ist, der Parteivorsitzende einen Vorschlag macht", sagt Wend.

Bei denen aber, die am meisten Macht haben in der Partei, verhallen Becks Worte ungehört. Nach seinem Stellvertreter, Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, und seinem Demnächst-Stellvertreter, Außenminister Frank Steinmeier, -Walter mochte am letzten Wochenende auch Fraktionschef Peter Struck nicht an sich halten. Er sagte im "Focus", dass er Beck "für unseren besten Kandidaten" halte, zu dem es keine Alternative gebe. Steinmeier - den manche in der Partei sehr wohl als Alternative sehen, weil er in Umfragen weit beliebter ist als Beck - verbrannte Struck indirekt gleich mit: Der in öffentlicher Rede wenig mitreißende Steinmeier habe doch selbst gesagt, dass der Spitzenkandidat auch "Rampensau" sein und die Menschen emotional ansprechen können müsse. Steinmeier, so klang es durch, kann das nicht und sei deshalb der falsche Herausforderer gegen Merkel.

Laut Internet-Lexikon Wikipedia ist im Theater die "Rampensau" ein "Darsteller, der dazu neigt, sich bei einer Aufführung vor Publikum gerne in den Vordergrund zu spielen, auch wenn die Darstellung seiner Rolle dies eigentlich nicht vorsieht. Er untergräbt also die Ensembleleistung und betont seine persönliche Rolle." Man könnte spitzfindig werden und die persönlichen Umfragewerte Becks in Beziehung setzen zu der nicht ganz so verheerenden Ensembleleistung der SPD. Aber es weist ja schon Wikipedia darauf hin, dass "Rampensau" als Kompliment benutzt wird.

In Becks Parteizentrale versuchen sie es jetzt mit Aussitzen. Kein kritisches Wort zu Struck, lautete gestern die Devise. Im SPD-Präsidium, das Ferner eigentlich gegen Struck in Stellung bringen wollte, war alles "überhaupt kein Thema": Die K-Frage werde "zum richtigen Zeitpunkt entschieden", und überhaupt sei erst einmal Urlaub. In Strucks SPD-Fraktion erfreute sich das Wort "normal" großer Beliebtheit. Es sei "normal, dass die, die an der Führung beteiligt sind, den Vorsitzenden als Nummer 1 sehen und als Kanzlerkandidaten unterstützen", heißt es dort. Und weil alles so normal sei, könne man "mit den Äußerungen leben". Die Fraktion erinnert, dass Struck vor einem Jahr das Gleiche gesagt habe. "Ungeschickt" sei nur Ferner gewesen, als sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ihre Verwunderung über Struck äußerte und an Becks Machtworte erinnerte.

Einzig Johannes Kahrs, Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises, geht in die Offensive. "Ich finde, man muss mal klar für alle nach innen und nach außen sagen, was Sache ist: Kurt Beck ist Parteivorsitzender, und er soll Kanzlerkandidat werden, wenn er selbst es will. Schlechte Umfragewerte gab es auch schon mal für Frau Merkel", sagt er.

Becks einzig realistische Kanzler-Option wird wohl eine Ampel-Koalition sein, nicht unbedingt eine Variante für zackiges Durchregieren. Die K-Frage lehrt die SPD so immerhin eines: den begrenzten Nutzwert des Machtwortes in der Politik.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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