Kapazitätsauslastung in der deutschen Industrie weiter gesunken
DIW: Stagnation auch im dritten Quartal

Die Schwäche in der deutschen Industrie stellt das Wachstumsziel der Bundesregierung für dieses Jahr immer mehr in Frage. Bedingt durch den Outputrückgang im produzierenden Gewerbe hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal leicht abgenommen.

HB BERLIN/DÜSSELDORF. Dies geht aus einer gestern veröffentlichten Vorausberechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, hervor. Auch für das laufende Vierteljahr erwarten die Berliner Ökonomen eine Stagnation. Damit dürfte das Wachstum in diesem Jahr kaum höher als 1 % ausfallen und damit nur halb so hoch wie von der Bundesregierung offiziell noch veranschlagt.

Nach den Schätzungen des DIW hat das deutsche BIP im zweiten Quartal dieses Jahres erstmals seit Frühjahr 1999 sein Niveau vom Vorquartal unterschritten - um 0,1 % nach einem Zuwachs von 0,4 % im ersten Vierteljahr. Auch nach dem Saisonbereinigungsverfahren der Bundesbank, das für die amtliche Statistik verwendet wird und das sich von dem DIW-Verfahren unterscheidet, kommt das DIW zu diesem Ergebnis. Die Zahlen bestätigen die Prognosen von Bankvolkswirten, die einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters zufolge mehrheitlich von einem "Nullwachstum" im zweiten Quartal ausgegangen waren.

Die Wirtschaftsleistung hätte damit im zweiten Quartal ihren Vorjahreswert nur noch um 0,7 % übertroffen. Im ersten Quartal waren es noch 1,6 % gewesen. "Deutschland befindet sich in einer Phase wirtschaftlicher Stagnation", schreiben die DIW-Volkswirte. Zwar habe der private Verbrauch endlich auf die Steuerreform reagiert und leicht zugelegt, doch habe dies die negative Entwicklung bei den Investitionen nicht wettmachen können.

Rückläufige Kapazitätsauslastung

Im Zuge der weiter rückläufigen Kapazitätsauslastung in der Industrie sind die Ausrüstungsinvestitionen im Frühjahr um 2,2 % gegenüber den ersten drei Monaten zurückgegangen. Die Investitionsentwicklung wurde laut DIW maßgeblich durch die anhaltende Schwäche der Industrieproduktion bestimmt. Sie sei im zweiten Quartal um 1,3 % gesunken, was vor allem durch das Minus bei Investitionsgütern bedingt sei. Sie leiden besonders unter der schwächelnden Exportnachfrage. Erstmals seit Herbst 1999 unterschritt die Industrieproduktion wieder ihr Vorjahresniveau.

Nach der vierteljährlichen Erhebung des Münchener Ifo-Instituts hat das deutsche verarbeitende Gewerbe seine Kapazitäten im Juni deutlich weniger stark ausgelastet als im März. Der Nutzungsgrad sank in Westdeutschland saisonbereinigt von 87,1 % auf 85,7 % und im Osten von 82,8 auf 82,4 %. Im Westen wird das Vorjahresniveau um gut zwei Prozentpunkte, im Osten um einen verfehlt.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes konnten das verarbeitende Gewerbe und der Bergbau ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahresmonat im Juni um 4 % steigern. Im Mai hatte er stagniert. Nach wie vor ist der Zuwachs beim Auslandsumsatz höher als beim Inlandsumsatz.

Besonders deutlich fiel der Rückgang der Kapazitätsauslastung bei Vorprodukten westdeutscher Hersteller aus. Aber auch die Nachfrage nach Investitionsgütern reichte nicht aus, um die bisherige Anlagennutzung zu halten. Am geringsten schrumpfte die Auslastung bei Konsumgütern, die allerdings schon seit Mitte vergangenen Jahres abnimmt. Die Auftragsbestände sind dem westdeutschen verarbeitenden Gewerbe vermehrt zu klein. Ihre Reichweite erhöhte sich im Vergleich zu März nach den Ifo-Angaben allerdings von 2,9 auf 3 Produktionsmonate. In der Industrie kommen immer mehr Zweifel auf, ob die bestehenden Produktionsanlagen in den nächsten zwölf Monaten angesichts der schwachen Nachfrageentwicklung überhaupt noch zufriedenstellend genutzt werden können.

Die Befürchtungen des DIW, dass das deutsche BIP auch im dritten Quartal stagnieren wird, werden durch die Ifo-Umfrage bestätigt. Die westdeutschen Industriefirmen rechnen für die kommenden Monate weiterhin mit einem schwächeren Geschäftsverlauf und erwarten, dass die Produktion das Vorjahresniveau auch im dritten Quartal unterschreiten wird.

Positive Impulse vom Außenhandel

Im Gegensatz zur Binnennachfrage gingen vom Außenhandel im zweiten Quartal positive Wachstumsimpulse aus. Die Importe sind nach den DIW - Berechnungen erneut gestiegen, jedoch weniger stark als die Ausfuhren. Letztere weisen allerdings schwächere Zuwachsraten auf als noch in der Vorjahreszeit. "Der Export wird immer stärker von der Nachfrageschwäche in wichtigen Industrieländern beeinflusst", betonen die DIW-Volkswirte.

Eine Wachstumsbelebung erwartet das DIW, wie auch die meisten Bankvolkswirte, frühestens zum Jahresende. "Alles in allem dürfte die Stagnation im dritten Quartal anhalten." Bei gleichzeitig weiter nachlassenden Auslandsaufträgen hat sich der Rückgang der Inlandsorders im zweiten Quartal mit 4,3 % beschleunigt fortgesetzt.

Die Zahlen für das zweite Quartal bestätigten die aktuelle Wachstumserwartung des DIW für das Gesamtjahr, erklärte Jochen Schmidt, Deutschland-Ökonom beim DIW, gegenüber dem Handelsblatt. Das DIW hatte seine Prognose für Deutschland Mitte Juli auf 1 % herabgesetzt. Damit unterschreiten die Berliner die Erwartungen der anderen Wirtschaftsforschungsinstitute, die im Mittel zwischen 1,4 % und 1,5 % ausgehen. Das HWWA in Hamburg will seine Prognose von 1,7 % in diesem Jahr erst überprüfen, wenn die amtlichen Wachstumszahlen für das zweiten Quartal vorliegen. Skeptischer geben sich die führenden europäischen Geschäftsbanken: Sie rechnen mehrheitlich nur noch mit 1,2 %.

"Wenn sich die Stagnation im laufenden Vierteljahr fortsetzt, wie von uns erwartet, dürfte das Jahreswachstum am unteren Rand der aktuellen Prognosen liegen,", schätzt denn auch Christoph Hausen, Deutschland-Ökonom bei der Commerzbank. Die Volkswirte der Commerzbank hatten ihre Prognose im letzten Monat ebenfalls auf 1 % nach unten korrigiert.

Die Bundesregierung geht demgegenüber offiziell weiterhin davon aus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 2 % wächst. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Finanzminister Hans Eichel hatten jedoch jüngst eingeräumt, dass das Ziel nur noch schwer zu erreichen sei.

Die offiziellen BIP-Zahlen zum zweiten Quartal veröffentlicht das Statistische Bundesamt am 23. August, eine Woche vor der nächsten Sitzung der Europäischen Zentralbank. Sollte die amtliche Statistik die DIW-Zahlen bestätigen, könnte es endlich zu der von den Märkten lang erwarteten Zinssenkung kommen. Die Notenbanker hatten bereits in der vergangenen Woche in ihrem Monatsbericht mit bislang ungewohnter Deutlichkeit auf die Wachstumsrisiken im Euro-Raum hingewiesen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%