Kapitalabfluss schwächt die japanische Währung im Vergleich zum Euro
Yen-Anleger drängen nach Europa

Der Yen hat in den zurückliegenden Wochen kontinuierlich gegenüber dem Euro an Wert verloren. Die Hauptursache dafür ist, dass europäische Investments für asiatische Anleger vergleichsweise attraktiv sind. Kehrseite dieses Kapitalzuflusses: Für europäische Unternehmen wird die Euro-Stärke mehr und mehr zum Problem.

HB TOKIO/DÜSSELDORF. Die Stärke des Euros ist derzeit bei den Beobachtern der Finanzmärkte in aller Munde. Dabei gewinnt die europäische Gemeinschaftswährung nicht nur im Verhältnis zum US-Dollar kontinuierlich an Wert, sondern auch zum Yen. Gestern lag der Euro bei knapp 133 Yen - also nur wenig unter der vor kurzem erreichten Marke von 135 Yen, die den tiefsten Stand des Yens seit fünf Jahren markiert. Experten erwarten, dass sich dieser Trend in den nächsten drei Monaten nicht umkehren wird.

Die Hauptursache für den Höhenflug des Euros gegenüber dem Yen ist schnell ausgemacht: Kapital strömt aus dem japanischen Markt nach Europa. Dazu schichten asiatische Investoren vermehrt Investments aus den USA auf den alten Kontinent um, beobachtet Tobias Müller, Devisenexperte der Vereins und Westbank. - "Das vergleichsweise hohe Zinsniveau im Euro-Raum und die Aussicht auf Währungsgewinne verfestigen dabei diesen Trend", so Müller.

Zum Vergleich: In Japan bringen zehnjährige Staatsanleihen zurzeit gerade einmal magere 0,75 % Zinsen. Bundesanleihen werfen demgegenüber etwa 3,9 % ab. Die großen Lebensversicherungen und Rentenfonds in Japan schichten daher bereits seit Jahren in ausländische Währungsanleihen um. Die jüngste Zinsentwicklung hat diesen Trend nur noch verstärkt. Allein im April sind Schätzungen zufolge 3 Bill. Yen aus dem japanischen Kapitalmarkt geflossen. "Das drückt weiter auf den Yen", meint Toru Umemoto von Morgan Stanley in Tokio.

Kurzfristig könnte der Yen allerdings noch einmal zulegen. Darauf weist Jeffrey Young von der Nikko Citigroup in einer Studie hin. Grund dafür sei die Rückgabe von Rentenfonds an das Wohlfahrtsministerium. Diese wurden bisher von den Unternehmen für ihre Arbeitnehmer verwaltet. Im Zuge der Übertragung werden wahrscheinlich viele ausländische Papiere verkauft. Auf Jahresfrist rechnet Young jedoch damit, dass ein stärkerer Dollar und eine konjunkturelle Erholung in Japan den Yen auf 123 Yen heben werden. Müller hält auf Sicht von drei Monaten einen Anstieg auf 137 bis 140 Yen für vorstellbar. Danach könne eine Korrekturbewegung einsetzen.

Schwacher Yen kommt Interessen der Japaner entgegen

Innerhalb der drei großen Währungsblöcke hat der Yen zurzeit den schwächsten Part. "Insgesamt führen Japans schwache Fundamentaldaten und die Risiken im Finanzsystem dazu, dass der Yen (im Vergleich zu Euro und Dollar) die Währung mit dem größten Abwärtspotenzial ist", meint Young. Dabei kommt die Abschwächung des Yens zum Euro den Interessen der Japaner entgegen. Es verschafft ihnen "Preisvorteile in Europa", sagt Alexandra Bechtel von der Commerzbank. Darunter wiederum leiden europäische Firmen. "Der Yen kann für europäische Unternehmen ein Problem werden", sagt Tobias Müller. Und noch schwerer als am europäischen Markt wiege die Yen-Schwäche in den USA, wenn Unternehmen aus Europa und Japan in direkter Konkurrenz aufeinander treffen.

Ohnehin kommt die führende Rolle in Japan nach wie vor dem Dollar zu. Denn während in der zweiten Jahreshälfte 2002 mehr als die Hälfte aller japanischen Exporte in US-Dollar fakturiert waren, liefen nur 8,6 % auf Euro, auch wenn dessen Anteil langsam steigt. Vor allem kleinere Unternehmen liefern vornehmlich auf Dollar-Basis. Und gegenüber der US-Währung ist der Yen relativ stark - zum Ärger der japanischen Exporteure. Im Durchschnitt liegt die Gewinnschwelle für das US-Geschäft bei Japans Exportfirmen bei knapp 115 Yen. Nach einer Umfrage des Kabinettbüros verlieren Stahlhersteller und Textilproduzenten bereits bei Kursen um 116 Yen zum Dollar Geld.

Bereits mehrfach hat das japanische Finanzministerium mit verbalen und aktiven Interventionen gegen einen zu starken Yen interveniert. Die Interventionen, da sind sich die Ökonomen einig, werden sich jedoch auf einen defensiven Charakter beschränken. Das Ministerium werde nicht aktiv eine Schwächung unter die aktuelle Spanne von 115 bis 120 Yen zum Dollar erkaufen. Mit einem starken Yen wächst der Deflationsdruck in Japan wegen billigerer Importe aus den USA und aus China. Im ersten Quartal hat das Finanzministerium Dollar für knapp 2,3 Bill. Yen gekauft. Ängste, der Yen könne mittelfristig in die Spanne von 110 zu 115 Yen fallen, bei denen mancher exportstarken Firma der Gewinn in den USA verloren gehen würde, hält Marshall Gittler von der Deutschen Bank für unbegründet. Er geht wie Umemoto von einem stabilen Dollar-Yen-Verhältnis zwischen 115 und 120 Yen aus.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%