Kapitalanlagen bleiben bisher aus
Investoren proben Neustart in Russland

Gerhard Schröder und Wladimir Putin wollen in Weimar die bilateralen Streitfälle im Bereich der Wirtschaft ausräumen. Dann könnten die deutschen Investitionen nach Russland eigentlich rollen. Doch Experten warnen: Zu oft schon sind die Hoffnungen auf Erfolge auf dem russischen Markt enttäuscht worden.

MOSKAU/BERLIN. Einzelhandelsketten wie Spar, Edeka und Metro haben den russischen Markt schon lange für sich entdeckt. Sie profitieren vom Kaufkraftanstieg, den die Exporterlöse beim Öl mit sich bringen. Zudem hat unter Putin generell das Vertrauen in die wirtschaftliche Situation in Russland zugenommen - und sich damit das Klima insgesamt verbessert.

Doch was für den Handel gilt, stimmt nicht für Anlageinvestitionen. Während die deutschen Exporte im vergangenen Jahr um stolze 54 % auf 10,3 Mrd. Euro kletterten verharrten die deutschen Direktinvestitionen bei 220 Mill. Euro. Sämtliche so genannte Leuchtturmprojekte, mit denen beide Länder milliardenschwere Investitionen anschieben wollten, sind inzwischen abgehakt. "Von Leuchttürmen wollen wir gar nicht mehr reden", will sich ein deutscher Regierungsbeamter nur ungern daran erinnern.

Auf dieser Liste befand sich etwa auch das ambitionierte Investitionsprojekt von Wintershall mit einem Volumen von rund 1,1 Mrd. Euro. Die geplante Erschließung des Ölfeldes Priraslomnoje in der Barentssee mit Gazprom wurde von russischen Wettbewerbern (Lukoil, Rosneft) blockiert. Offiziell zwar nur auf Eis gelegt, rechnet inzwischen kaum noch jemand mit der Realisierung des Projekts.

Russen verdrängen ausländische Investoren

In deutschen Wirtschaftskreisen gilt der Fall Priraslomnoje jedoch nicht als Einzelereignis. Immer wieder wird die Vermutung laut, dass einflussreiche russische Geschäftsleute ausländische Konkurrenten aus dem Markt drängen, um dann in Eigenregie deren Projekte umzusetzen. So wären nicht nur im Energiesektor ausländische Beteiligungen gefragt, gleiches gilt auch für die Automobilbranche. "Die sind eigentlich für eine Entscheidung reif", sagt ein Kenner der Materie. Doch nichts geschieht.

Zwar bringen die Russen immer wieder Volkswagen als Investor ins Spiel. Doch in Wolfsburg will man von solchen Plänen keine genauere Kenntnis haben und reagiert eher verärgert, wenn etwa mit Hinweis auf die Autoproduktion von Ford, die nächste Woche in St. Petersburg beginnen soll, von VW-Investitionen geredet wird.

Schwachpunkt Finanzierung

Die Achillesferse bei den Geschäften in Russland bleibt wie in der Vergangenheit die Finanzierung. Die kapitalschwachen russischen Banken können eine solide Finanzierung zumeist nicht gewährleisten. Und der Staat übernimmt nur noch in Ausnahmefällen Bürgschaften. Also muss auf das Instrument der Projektfinanzierung zurückgegriffen werden, indem aus den Erlösen der Investition die Kredite getilgt werden. Dies kann klappen, muss aber nicht. So wie bei den Fischtrawlern, die deutsche Werften Mitte der 90er Jahre nach Russland lieferten. Doch das russische Fischereikomitee teilte den Fischern so geringe Fangquoten zu, dass die Erträge zum Abbezahlen der Kredite nicht ausreichten.

So sollen jetzt in Weimar neue Projekte präsentiert werden, die einen Neuanfang in den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen begründen könnten. Neben der Großinvestition von Ikea stehe auch ein Vertrag von Carl Zeiss für den Aufbau eines satellitengestütztes Katastersystems für Russland vor dem Abschluss, heißt es in deutschen Wirtschaftskreisen in Moskau. Auch über ein deutsch-russisches Abkommen zur Luft- und Raumfahrt werde noch verhandelt. Die Handelsriesen Metro und Rewe beraten intensiv über den Bau weiterer Großmärkte in Russland.

Abeitskreis gegen Wirtschafts-Hemmnisse

Verlängert werden soll das Mandat der Strategische Arbeitsgruppe, die Wirtschafts-Hemmnisse beseitigen hilft. Die Gruppe um den russischen Wirtschaftsminister German Gref, die deutschen Staatssekretäre Axel Gerlach und Caio Koch-Weser sowie dem Vorsitzenden des Ostausschusses, Klaus Mangold, soll künftig aber stärker an die russischen Industrie angekoppelt werden. Deshalb wird der Besitzer des russischen Stahlkonzerns Sewerstahl und Unterhändler des russischen Industriellenverbandes für Russlands Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO), Alexej Mordaschow, in den Kreis aufgenommen.

Ein nettes Bonbon könnte für Moskau eine Verbesserung im OECD-Kreditrating sein, für die sich Berlin stark machen will. Klettert Russland von Gruppe 6 in Gruppe 5, verbilligen sich die Export- Kredit-Versicherungen und gleichzeitig ist das Land dann nicht mehr gemeinsam mit zahlreichen Entwicklungsländern eingestuft - und das ist gut fürs Image.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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