Kapitalgangster nutzen die Abneigung der Bürger gegen Aktien
Anlagebetrug hat Hochkonjunktur

Das Bundeskriminalamt und Verbraucherschützer warnen vor einer starken Zunahme des Anlagebetrugs. Vor allem organisierte Tätergruppen werden dabei immer zahlreicher.

FRANKFURT/M. Kapitalanlagebetrug ist heute weiter verbreitet als je zuvor. Das besagt eine Studie, die das Bundeskriminalamt mit Unterstützung der Europäischen Union erstellt hat. Nach einem kurzfristigen Absinken bekannt gewordener Fälle sind die Zahlen seit drei Jahren wieder deutlich ansteigend. Die Schadenshöhe wächst dabei sogar überproportional schneller. Die polizeiliche Kriminalstatistik nennt eine Schadenssumme von über 750 Mill. Euro pro Jahr, die in Ermittlungsverfahren bekannt geworden ist. Verbraucherverbände schätzen die tatsächlichen Schadenshöhe auf über 20 Mrd. Euro - genaue Statistiken gibt es nicht..

"Die Zahl der nicht gemeldeten Fälle von Anlagebetrug ist immer noch sehr hoch", sagt Hermann Liebel, Direktor des Forschungsinstituts zur Wirtschaftskriminalität im Praxisforum an der Universität Bamberg. "Viele Opfer zeigen den Betrug nicht an, weil sie Schwarzgeld angelegt haben. Andere schämen sich und gehen deswegen nicht zur Polizei", erklärt er. Dennoch würden immer mehr Opfer Anzeige erstatten. Liebel führt dies darauf zurück, dass der Anlegerschützer immer wieder darauf hinweisen, dass es dadurch eine Chance gibt, das Geld zurück zu bekommen.

"Leider ist die Aufdeckungsrate bei Kapitalanlagebetrug relativ gering", sagt Klaus Nieding, Rechtsanwalt beim Deutschen Anlegerschutzbund (DASB). Organisierte Verbrecher würde nach einem Betrug schnell das Weite suchen und an einem andern Ort unter neuem Namen wieder aktiv werden. "Wenn aber ein Unternehmen noch existiert, ist die Chance hoch, dass wir für unsere Mandanten das Geld zurückbekommen. Die schlechteste Quote waren dabei bisher 33 Prozent des eingesetzten Kapitals", sagt Anlegerschützer Nieding.

"Gauner nutzen die Angst"

Mit einem Rückgang der Betrugsfälle rechnet zur Zeit keiner der Experten. "Betrüger haben immer Hochkonjunktur. In guten Börsenzeiten profitieren sie vom gesteigerten Interesse der Anleger an Finanzanlageprodukten. Umgekehrt nutzen die Gauner in der Baisse die Angst der Bürger vor Aktien und bieten andere Investmentmöglichkeiten an", sagt Nieding.

Zunehmend mehr sind hinter den auffällig werdenden betrügerischen Anlageberatern Gruppierungen der organisierten Kriminalität zu beobachten, heißt es in der Studie des BKA. "Oft stecken Gruppen von zehn bis zwanzig Tätern dahinter, die ganz gezielt vorgehen", konnte auch der Rechtsanwalt Nieding feststellen. Die Betrüger gehen sehr raffiniert vor und zeichnen sich meist durch eine hohe rhetorische Kompetenz aus. Einfallsreiche Tricks wie das Abspielen von Tonbändern, die Börsengeräusche im Hintergrund eines Telefongesprächs simulieren, gehören genauso zu den Methoden der Betrüger wie das Androhen von Gewalt. "Ich habe zahlreiche Anrufe von solchen Schurken erhalten, die mich und meine Familie bedroht haben", berichtet Nieding.

Und der Variantenreichtum bei betrügerischen Offerten nimmt weiter zu. Die neueste Masche, berichtet Universitätsprofessor Liebel, sei das Vorgaukeln einer Erbschaft. "Deutsche Staatsbürger werden darüber informiert, sie hätten eine millionenschwere Erbschaft von einem entfernten Verwandten in Afrika gemacht. Um das Erbe in Anspruch nehmen zu können, müsse aber eine fünfstellige Vorauszahlung getätigt werden. Von diesem Geld sehen die vermeintlichen Erben aber nie einen Cent wieder", sagt Liebel.

Betroffene lassen sich in allen Bevölkerungsschichten finden - vom Universitätsprofessor bis hin zum Bafög-Empfänger. "Oft sind auch Freiberufler wie Ärzte oder Anwälte betroffen, weil diese wenig Zeit für die Geldanlage haben", erklärt Nieding.Laut der Studie lässt sich aber ein Trend hin zu finanziell weniger gut gestellten Anlegern erkennen. Geschädigte können sich an das DASB wenden und in dem Archiv über unseriöse Firmen schnell Auskunft erhalten. Tipps zu Vorsichtsmaßnahmen gegen Betrüger gibt es zudem auf der Internetseite der Polizeilichen Kriminalprävention, hier kann auch die aktuelle Broschüre zum Thema Anlagebetrug bestellt werden (www.polizei.propk.de).

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