„Kapitalvernichtung, Bereicherung und vage Versprechungen“
Volksaktionäre proben den Aufstand

Um 14.37 Uhr kippte die Stimmung in der Köln-Arena endgültig gegen die Telekom-Manager. Die Aktionäre lasen der Telekom-Führung die Leviten und pfiffen Beschwichtigung-Versuche aus.

Alles von der Telekom-Hauptversammlung lesen Sie in unserem Live-Ticker.

vwd KÖLN. Als Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus drei weitere Anträge zur Geschäftsordnung ablehnte, erhob sich ein gellendes Pfeifkonzert. Die Volksaktionäre probten den Aufstand. Sie waren am Dienstag ohnehin mit einer ordentlichen Wut im Bauch zur Telekom-Hauptversammlung in die Rheinmetropole gereist. In der Aussprache versäumte es kaum ein Redner, die Erhöhung der Vorstandsgehälter im Gesamtvolumen von 50 Prozent als "unanständig", "unangemessen" oder gar "schamlos" zu brandmarken.

In der mit rund 9 000 Teilnehmern vollbesetzten Versammlung sorgte Wolfgang Philipp für eine kleine Sensation. Unter tosendem Applaus forderte der rüstige Rentner nicht etwa eine Erhöhung der ohnhin mageren Dividende. "Um ein Signal des Vertrauens an die Kapitalmärkte zu senden", sollte die überschuldete Telekom ihre geplante Kapitalausschüttung ganz aussetzen. Mit ironischem Unterton fügte Philipp hinzu, angesichts der horrenden Kursverluste seien 37 Cent pro Aktie "spielend zu verkraften".

In der Art eines Volkstribuns las der Kleinaktionär vor allem der Bundesregierung die Leviten. Aus den Erlösen der beiden Börsengänge habe der Bund genauso Kapital geschlagen wie aus dem Verkauf der überteuerten UMTS-Lizenzen. Philipps Tirade gipfelte in dem Vorwurf, der Bund habe damit eine der größten Enteignungen auf Kosten der Anleger mit zu verantworten. Konsterniert musste Telekom-Chef Ron Sommer vom Podium beobachten, wie Philipp für seine Rede minutenlang gefeiert wurde. Nach seinem eigenen eineinhalbstündigen Vortrag hatte sich für Sommer kaum eine Hand gerührt.

Sommer gesteht Fehler ein

Dabei hatte der Telekom-Chef für seine Verhältnisse ungewohnt freimütig Selbstkritik geübt, vorhandene Schwachstellen eingeräumt und sogar Irrtümer bekannt: etwa in der Einschätzung des unerwartet starken Preisverfalls im Festnetzbereich. Mit einer Zustimmung konnte Sommer bei seinen Zuhörern nur rechnen, als er die Entwicklung der T-Aktie als "niederschmetternd" beschrieb.

Der Kursverfall von noch einmal 50 Prozent im vergangenen Jahr sei aber nicht mehr nachvollziehbar, widerspreche dem operativen Geschäftsverlauf und sei "nur mit psychologischen Mechanismen" zu erklären, zeigte sich der promovierte Mathematiker fast ohnmächtig. Mit dem eingeleiteten Entschuldungsprogramm, einer stetigen Effizienzsteigerung und weiter vorhandenen Wachstumschancen will Sommer für eine Trendwende auf den Kapitalmärkten sorgen.

Wann sich allerdings wieder bessere Kurse einstellen werden, könne "zurzeit kein Hellseher voraussagen". Noch kann sich Sommer der schützenden Hand von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sicher sein, der erst vor kurzem eine Ablösung ausschloss. Doch der seit Mai 1995 amtierende gebürtige Österreicher offenbarte selbst, dass sich bald ein am Aktienkurs messbarer Erfolg einstellen muss. Er wolle nicht über die Ungerechtigkeit der Entwicklung "lamentieren", sondern sei vielmehr "entschlossen, die Ärmel noch einmal hochzukrempeln".

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