Kapitalzuflüsse in Asien bleiben trotz günstiger Bewertungen aus
Analysten sehen gute Chancen bei südostasiatischen Aktien

Asien ist in den Sturm geraten, der die Wall Street schüttelt. In den meisten Ländern sind die satten Kursgewinne vom Jahresanfang zerschmolzen. Zu Unrecht, meinen manche Analysten. Sie versprechen sich von der Region bessere Anlage-Chancen als in den USA oder Europa. Auch die kurze Verunsicherung durch ein Referendum über eine endgültige Trennung Taiwans von China ändert an der Einschätzung nichts.

HONGKONG. "So eine verquere Situation habe ich noch nicht erlebt", stöhnt Gary Coull, Executive Chairman von Credit Lyonnais Securities Asia (CLSA). Dass die US-Börsen nach jahrelanger Überbewertung wie ein Kartenhaus einstürzen, findet er logisch; dass dies die Kurse von Seoul bis Singapur mit in den Keller reißt, absurd. Ohnehin niedrig bewertete asiatische Titel würden noch billiger, während sich bei vielen die Fundamentaldaten verbesserten. "Mittelfristig schafft das enormes Kurspotenzial", sagt Coull, "so gute Kaufgelegenheiten sieht man selten." Noch in diesem Jahr rechnet er mit massiven Kapitalzuflüssen, weil sich Portfoliomanager von den USA abwenden. Dann würden Asiens Börsen der Wall Street enteilen.

Ansatzweise tun sie dies bereits - zumindest fallen die Kurse weniger. Der für die Region richtungsweisende Index, MSCI Far East Free ex Japan, gab seit Jahresanfang nur 3,6 % nach; der S & P-500-Index ist um fast 30 % abgestürzt. Dennoch bleiben die Kapitalzuflüsse frustrierter Anleger aus dem Westen bisher aus. Im Gegenteil: "Zukäufe aus Übersee versiegen", stellt Ajay Kapur fest, Asienstratege bei Salomon Smith Barney. Fondsmanager schwärmten zwar von Asien-Werten, klagt Kapur, ließen Liebeserklärungen aber keine Dollars folgen. Das ist nicht verwunderlich. Anleger scheuen derzeit das Risiko der Emerging Markets und Portfoliomanager nehmen in Asien Gewinne mit.

Doch auch Kapur sieht in Fernost bessere Chancen als an der Wall Street. Denn in mancher Hinsicht steht die Region fünf Jahre nach der Asienkrise auf solideren Fundamenten als die USA: Die Börsenblase ist geplatzt, die Währungen sind nicht mehr überbewertet, die Leistungsbilanzen stehen satt im Plus, die Verschuldung ist drastisch gefallen.

Das überzeugendste Argument der Asien-Bullen sind die Bewertungen, die einen Großteil der Strukturveränderungen nicht zeigen. Im Durchschnitt beträgt das Kurs-Buchwert-Verhältnis weltweit derzeit 2. In Asien liegt es bei 1,4, in den USA noch bei 2,5 - trotz ähnlicher Eigenkapitalrenditen wie in Fernost, rechnet Ian McLennan vor, Stratege bei UBS Warburg. Auf Basis langfristiger Rendite-Trends sieht er Asien bei einem Wert zwischen 1,38 und 1,8 fair bewertet: "Für uns sieht die Region sehr attraktiv aus".

Doch angesichts der Krise, die in Lateinamerika brodelt, und der Gefahr, dass die USA in die Rezession zurückfallen, sehen längst nicht alle Experten Kaufkurse: "Asiens Börsen werden dieses Jahr zwar deutlich besser abschneiden als die Märkte im Westen", glaubt der Nomura-Stratege Sean Darby. Doch den Boden hätten auch sie nicht gesehen; deshalb will Darby nicht zum generellen Einstieg blasen.

Markus Rösgen ist noch skeptischer. "Solange Anleger in Asien einfach nur weniger Geld verlieren als im Westen, gibt es keinen Kauf-Anreiz", stellt der ING Barings-Experte fest. Mittelfristig sieht zwar auch er in Fernost größeres Kurspotenzial als im Westen. Doch müssten die Börsen der Region vor einer Trendwende um weitere 15 bis 20 % fallen. Er befürchtet, dass die US-Konjunktur an Schwung verliert und Asiens Exporteure ausbremst. Hält die Dollar-Schwäche an, wird das die Ausfuhren zusätzlich belasten.

Schwache US-Konjunkturzahlen haben die IT- und Export-Werte, die viele Indizes dominieren, zuletzt stark fallen lassen; Seoul, Taipei, Hongkong und Singapur sind auf Jahrestiefs gesackt. Konsumwerte, die die meisten Analysten derzeit bevorzugen, sind für Rösgen keine Alternative. Sie sind gut gelaufen und werden ihm zu teuer. Dass es Überzeugungsarbeit bedarf, Fernost gebrannten Anlegern aus Übersee schmackhaft zu machen, weiß selbst der Optimist Coull: "Asien ist eine gute Story - aber noch glauben nicht alle daran", gibt er zu.

Quelle: Handelsblatt

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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