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Kaputte Indizes und wenig Hoffnung

Leiden ohne Ende. Der Ausverkauf bei Wachstumsaktien geht ungebremst weiter. Wenn der Bärenmarkt nun auch noch die bislang recht stabilen Aktien aus der "Old Economy" erfasst, sinken die Aussichten für die "New Economy" weiter. Vorsicht bleibt das Motto der Stunde - auch eine US-Zinssenkung am Dienstag wird daran nichts ändern.

Nun sind die Wachstumsindizes endgültig kaputt. Der Nasdaq-Index hat nicht bloß seinen langfristigen Aufwärtstrend (etwa 2 100 Punkte) hinter sich gelassen. Er nahm darüber hinaus die psychologisch wichtige Marke von 2 000 im Schnellgang und fiel bereits unter 1 900. Sieben Woche in Folge schloß er mit einem Minus ab. Mehr als 60 Prozent liegt der Index (!) bereits unter seinem Rekordwert vom März 2000.

Kann es eigentlich noch schlimmer kommen? Nicht auszuschließen. Die größten Pessimisten sehen ein Ende des High-Tech-Crashs an der Nasdaq erst bei 1 000 Punkten. Ob solche Prognosen wahr werden, dürfte entscheidend von der Entwicklung der US-Wirtschaft abhängen. Fällt sie in eine Rezession oder gelingt doch eine relativ sanfte Landung? Das ist die Frage, auf die im Moment niemand eine seriöse Antwort geben kann. Da jedoch an den Märkten die Zukunft gehandelt wird, beziehen die Akteure die schlechteste Variante in ihre Überlegungen mit ein. Keiner will sich am Ende auf dem falschen Fuß erwischen lassen.

Selbst wenn es nicht so schlimm kommt, die Perspektiven für Wachstumsaktien sind alles andere als rosig. Es mag zwar in nächster Zeit immer wieder Erholungen geben. Doch dies wäre völlig normal, eben weil es so schnell nach unten gegangen ist. Entscheidend für Anleger ist die mittlere Sicht. Und die trübt sich mit jedem weiteren schlechten Tag weiter ein. Gut möglich, dass noch ein Jahr vergeht, bis sich an den Märkten für Wachstumsaktien wieder neues Vertrauen einstellt - von Euphorie gar nicht zu reden. Eine Spielwiese für das schnelle und große Geld dürften sie auf absehbare Zeit nicht mehr sein.

Das gilt auch für den Neuen Markt in Frankfurt. Er ist mittlerweile auf das Niveau seiner Anfangszeit im Jahr 1998 zurückgefallen. Die Enttäuschung der Anleger könnte hierzulande sogar noch größer ausfallen, weil die Erfahrung mit solchen Krisensituationen vielen Akteuren dem Markt an sich gänzlich fehlt. Die Neuzugänge dürften sich in nächster Zeit in Grenzen halten, es sei denn es handelt sich um grundsolide Firmen mit stabilen Gewinnaussichten. Schwer vorstellbar, dass Unternehmen mit Verlustprognosen derzeit überhaupt eine Chance haben. Ein paar Jahre war das sexy, aber die Stimmung der Anleger hat sich gedreht. Leute, die vorher bei 100 Prozent-Aussichten überhaupt erst anfingen über Anlagen nachzudenken, sind heute mit weniger als fünf Prozent im Jahr zufrieden. Sie gehen in Staatsanleihen - in Deutschland genauso wie in den USA, auch wenn diese noch so teuer sind, also niedrige Zinsen bieten.

Kleine Brötchen für die Anleger

Die Stimmung ist sehr schlecht. Gerade dadurch fühlen sich die wenigen Optimisten bestätigt. Zu ihnen zählt Goldman Sachs. Das Investmenthaus sieht den Dow auf 13 000 Punkte in diesem Jahr steigen. Gegenüber dem vergangenen Freitag wären das über 30 Prozent. Und die Goldman-Profis empfehlen, Technologie- und Telekomaktien überzugewichten. Mit anderen Worten: Sie sehen Chancen auf Kurssteigerungen, weil viele Standard-Werte sehr stark gefallen sind, aber gleichwohl noch solide Gewinnperspektiven bieten. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren sollten Anleger aber gleich kleine Brötchen erwarten. Wenn ein Wert wie Cisco nun von 20 Dollar auf 26 Dollar steigt, wäre dies ein Plus von 30 Prozent. Tolle Rendite! Die alten Höchstkurse der letzten zwölf Monate (über 80 Dollar) wären damit aber immer noch meilenwert entfernt. Und ob sie so bald wieder erreicht werden, steht in den Sternen. Das kann selbst bei bei dem einen oder anderen Tech-Blue-Chip noch Jahre dauern. Oberstes Prinzip muss daher sein: Schnell Verluste begrenzen, wenn die Spekulation nicht aufgegangen ist.

Zu hoffen bleibt, dass die Aktien der alten Wirtschaft sich nicht von dem High-Tech-Zirkus anstecken lassen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) ist zwar bereits Mitglied im Club der Bären geworden. Doch der Dow-Jones-Index hält sich noch wacker, auch wenn er nun deutlich unter 10 000 Punkte gefallen ist. Eine generelle Aktienbaisse zusammen mit einer Wirtschaftsflaute in den USA und Europa ist zur Zeit noch möglich. Das könnte den Dow noch mal deutlich nach unten ziehen. Deshalb sollten vorsichtige Naturen lieber abwarten, bevor sie voreilig einsteigen. Dabei kann man sich immer noch schnell die Finger verbrennen. Alle positiven Prognosen bergen ein gutes Stück Zweckoptimismus - im eigenen Interesse. Die Zeiten, in denen Anleger darauf reinfielen, sind wohl (vorerst) vorbei.

Wer nun auf den Dienstag und Alan Greenspan hofft, sollte nicht zu viel erwarten: Der Chef der US-Notenbank kann nicht alles richten, was an den Börsen für Wachstumsaktien in den letzten Jahren falsch gelaufen ist. Das müssen die Märkte schon selbst besorgen.

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